中二病 muss in den Duden

Es gibt Wörter, die im Deutschen fehlen. Keiner verwendet sie im Alltag. Im Duden: nichts. Dabei wären sie so nützlich.

Bei manchen dieser fehlenden Wörter hilft immerhin das Englische. Anglizismen mögen viele zwar nicht. Aber kann mir jemand nerd ins Deutsche übersetzen, in einem Wort? Oder, sagen wir, in drei Wörtern? Vorschläge nehme ich gerne in den Kommentaren entgegen. Nun aber zu einem Wort, das unbedingt eingedeutscht gehört. Es wird sich – wie der Nerd – irgendwann durchsetzen.

Das Wort ist japanisch und heisst: Chuunibyou. Aussprechen tun es Japaner etwa so: Tschuh-ni-byoh. Und es bedeutet sinngemäss: Das Syndrom, an dem ein Achtklässler leidet, der sich auffällig verhält und insgeheim auf andere hinabschaut, weil er meint, er wisse mehr und könne mehr. Man ist also nicht Chuunibyou, sondern man hat es (oder man hat es nicht).

Chuunibyou haben nicht nur Achtklässler. Es gibt auch viele Erwachsene, die sich so verhalten. Dabei werden drei Typen unterschieden:

Typ A umgibt sich mit Dingen, die nicht dem Mainstream entsprechen. Er hört andere Musik als seine Freunde, kauft vielleicht sogar Vinyl-Platten, am liebsten von weit her importiert. Von bekannten Bands mag er die unbekannten Songs (die bekannten hasst er). Er kleidet sich betont unnormal. Dabei redet er sich ein, er tue es, weil er diese Dinge mag. Eigentlich aber mag er vor allem das Anderssein.
Diese Art des Chuunibyou könnte man mit Hipster-Syndrom übersetzen, aber man läge daneben. Denn wer wirklich Chuunibyou hat, meidet auch die Hipster-Kultur, seit sie salonfähig ist. Ein iPhone braucht er nicht (nicht wie die meisten Hipster), ein japanisches Handy (beispielsweise ein günstiges Klapphandy, wie es sie bei NTT Docomo noch immer gibt) ist praktischer. Und niemals wird eine Apple Watch gegen die guten, alten, eckigen Casio-Digitaluhren ankommen.

Typ B grenzt sich von der Gesellschaft dadurch ab, dass er in Schlägereien gerät, klaut, konsequent ohne Billett Zug fährt… – natürlich nur in seiner Phantasie. Er pflegt das Image des Brutalos, so verschafft er sich Respekt. In Japan geht das so weit, dass sich Bubis eine gesunde Hand einbandagieren, weil sie nach eigenen Angaben gerade einen Gegner vermöbelt haben. Möchtegern-Gangster-Syndrom wäre vielleicht eine passende Übersetzung, aber Chuunibyou beschreibt präziser, wie harmlos die Betroffenen sind.

Bleibt der Typ C: Der glaubt an mystische Kräfte, kleidet sich auch so, liest solche Bücher, hört solche Musik, spielt solche Games. Auch diese Art des Chuunibyou entwickelt sich im jugendlichen Alter. Aber eben, auch hier: Ich kenne Ü-Dreissigjährige, die noch tief in dieser Phase stecken.

Fazit 1: Ich habe soeben 330 deutsche Wörter gebraucht, um ein einziges Wort zu erklären. Wer wird da noch behaupten, wir bräuchten es nicht?

Fazit 2: Dass ich 330 Wörter schreibe, um ein japanisches Wort für den Duden zu empfehlen, zeigt: Auch ich stecke drin, bis zum Kinn, im Chuunibyou!

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