Prix-Garantie-Astronauten

Im Internet findet man alles sofort. In jedem Smartphone steckt mehr Wissen als früher in einer ganzen Bibliothek. Also sind Bibliotheken überflüssig, eigentlich auch Bücher. Das ist nicht von mir, das habe ich in der Neuen Zürcher Zeitung gelesen. Aber eigentlich will ich etwas ganz anderes erzählen.

Gestern war es, da lag in meinem Briefkasten, in einem unauffälligen, leicht gepolsterten Couvert: ein Schatz.

Es handelt sich bei dem Schatz um etwas, das ich nicht bestellt habe, man hat es mir einfach geschickt, und dieses Es ist ein Büchlein mit einem roten Einband und einem Titel, der nicht besonders catchy daherkommt: Pocket World in Figures 2016 Edition, herausgegeben von der britischen Zeitschrift The Economist. (Die habe ich abonniert, was ich übrigens allen empfehle, die nicht nur wissen wollen, wo es auf der Welt gerade knallt, sondern auch warum.)

Die vom Economist wollten offenbar, dass ich etwas über die Schweizer Raumfahrt erfahre, denn darüber fand ich Erhellendes in Pocket World in Figures 2016 Edition, nämlich eine Zahl. Die Schweiz, das steht auf Seite 104, leistet sich ein Raumfahrtprogramm für jährlich 197 Millionen Franken.

197’000’000.00 Franken für die eidgenössischen Ambitionen im Weltraum. Ist das viel? Oder wenig? Oder naja, geht so? Weil die vom Economist gründlich recherchiert haben, weiss ich: Das ist gleich viel wie die Raumfahrtbudgets der (etwa mit der Schweiz vergleichbaren) Länder Österreich (80 Mio.), Finnland (65 Mio.) und Dänemark (52 Mio.) zusammengerechnet. Also eher ambitioniert.

Was macht die Schweizer Raumfahrt so, in letzter Zeit? Alles, was ich spontan weiss (man hat das ja in der Tagesschau gesehen): Sie ist an einer milliardenteuren Mission beteiligt, an deren Ende man den Kontakt zu einem Roboter verliert, der auf einem Felsen zu nahe an die Sonne heranrasen und verglühen oder der Sonne ausweichen und für immer im ewigen Schwarz verschwinden wird.

Wenn ich mich richtig erinnere, hatte der Schweizer Weltraumroboter ziemlich schnell mal Funk- und Treibwerkstörungen, kaum war er auf dem Ding gelandet, das nicht Mond hiess oder Mars oder Pluto, sondern 67P/Tschurjumov-Gerasimenko. Tönt irgendwie nach Alternativlösung. Nach Prix-Garantie-Raumfahrt, bei der sogar die Astronauten zu Hause bleiben. Aber weit gefehlt: Wenn man den anständig erforscht, den 67P, dann weiss man, wie das Sonnensystem entstanden ist. So oder ähnlich haben die das erzählt, damals in der Tagesschau.

197 Millionen. Wenn man das auf alle Einwohner der Schweiz aufteilen würde, 24 Franken pro Person und Jahr, dann könnten wir in dreissig Jahren alle in Flugzeuge steigen, nach Houston fliegen und schauen, wie man’s richtig macht. Die USA, sagt Pocket World in Figures 2016 Edition, geben für ihre Spässchen im Weltraum mehr aus als es China, Russland, Japan, Frankreich, Deutschland, Italien, Indien, Kanada, Grossbritannien, Südkorea, Spanien, Belgien, die Schweiz, Brasilien, Schweden, Argentinien, Norwegen, Holland, Israel, Österreich, Finnland, die Türkei, Dänemark und Indonesien zusammen tun. Dafür wird einer von ihnen 2035 auf dem Mars landen, vielleicht der greise Ex-Präsident Donald Trump persönlich – oder dessen Sohn Donald junior. Das ist anständige Raumfahrt.

So viel Wissen, auf einer einzigen Seite. Ich blättere weiter, ein paar Seiten nur, und weiss jetzt, welches nicht-asiatische Land am meisten Reis konsumiert. Na? Und in welchem Land am meisten geraucht wird (8 Zigaretten pro Mund, 4 pro Lunge, Tag für Tag). Welches Land ist das?

Wenn euch Wikipedia anödet, kann ich es euch mal ausleihen, mein Büchlein. Wie früher in der Bibliothek.

2 Gedanken zu “Prix-Garantie-Astronauten

  1. :lol: Danke! Ich hatte bislang nicht die geringste Ahnung, dass die Schweiz ein Raumfahrtprogramm hat, und sogar an der höchst umstrittenen Kometen-Mission beteiligt gewesen ist. Internet ist schon was Feines, man kann ständig dazu lernen. ;-)

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