Das Kaputtsein als Erfolgsrezept

(Erschienen am 12. Dezember 2013 in den Freiburger Nachrichten)

Gut arrangierte Rocksongs hören und einem verhaltensauffälligen Drogensüchtigen zusehen: Bei Konzerten der Babyshambles paart sich Musikgenuss mit Sensationslust.

Pete Doherty sieht beim Konzert in Freiburg schon am Anfang fertig aus. Diese Augenringe. Dieses fettige Haar. Dieser schmuddelige Pulli. Der Frontmann der Band Babyshambles tut alles, um seinem Ruf als unverbesserlicher Junkie gerecht zu werden. Torkelt, wankt, nuschelt. Sich diesen abgekämpften, launischen Mann anzusehen, muss auf eine sonderbare Art reizvoll sein.
Denn das Konzertlokal ist ausverkauft, und das Publikum lässt den Blick nicht von ihm ab: Vergisst er heute den Text? Provoziert er das Publikum? Wird er auf der Bühne gewalttätig? Bricht er das Konzert ab? Alles ist bei Doherty schon vorgekommen, ein neuer Skandal liegt auch im Fri-Son jederzeit in der Luft. Ein einigermassen bedenkliches Theater – wäre da nicht die Musik: Denn Doherty und der Rest der Babyshambles zeigen in Freiburg einmal mehr, dass sie es mit den grössten Rockbands aufnehmen können.

Ein begnadeter Sänger ist der Babyshambles-Frontmann beileibe nicht. Zu dünn ist seine Stimme, zu undeutlich die Aussprache. Ebenso wenig ist er ein grosser Gitarrist; sein Spiel besteht vor allem darin, immer wieder einen Halbton daneben zu greifen und aus dem Takt auszuscheren. Dass solches bei ihm nie peinlich wirkt, sondern ausgefeilt, zeigt indes, worin Dohertys wahres Talent liegt: Er ist ein hervorragender Liederschreiber.
Die Songs der Babyshambles sind so arrangiert, dass Dohertys unkonzentrierte Art ein Pluspunkt ist, jeder falsche Ton auf der Gitarre ein Gewinn. Das demonstrative Kaputtsein, optisch wie musikalisch, ist Dohertys Erfolgsrezept, und dieses nutzt er in aller Konsequenz. Würde eine weniger talentierte Band versuchen, so zu spielen – sie dürfte kaum je im Fri-Son auftreten.

Doherty, der sich weit grössere Bühnen gewohnt ist, scheint den Auftritt hier zu geniessen, gibt sich phasenweise gut gelaunt. Einmal unterhält er sich mit dem Publikum sogar auf Deutsch: «Was is’ los, Freiburg? Was machst du in Freizeit?»
Als die Band nach einer – skandalfreien! – Show ein erstes Mal die Bühne verlässt, fordert das Publikum zunächst erfolglos eine Zugabe. Fast zehn Minuten lang passiert nichts – keine Babyshambles mehr, kein Pete Doherty. «Der kann nicht mehr», lachen einige im Publikum und wünschen sich das Gegenteil. Wenigstens ein paar bizarre Zirkusstückchen dürfte er noch bieten.
Doherty kann: Kommt zurück, zündet sich mit einiger Mühe eine Zigarette an, streckt beim Schlusssong «Fuck Forever» beide Mittelfinger in die Luft, stemmt den metallenen Mikrofonständer hoch und schleudert ihn gefährlich nah über die Köpfe der ersten Reihe hinweg ins Publikum – und sein Mikrofon gleich hinterher.

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