Wenn es richtig kaliert

Was von Zürich noch übrig ist? Lasst es mich so erklären.
Das Seebecken hat alles überdauert; Wogen, die sich aufregen, abreagieren, glätten, unablässig in Bewegung, ein Perpetuum mobile gegebenenfalls, man müsste es untersuchen. Es leben da inzwischen auch wieder Schwäne. Vereinzelt Blesshühner.

Das provisorische Gebäude der Stadtregierung, wo früher die Metrostation Stadelhofen-Lakeside lag, ist intakt. Seit dieser Woche ist es mit Elektrizität versorgt. Wie übrigens auch die Universität. Die eigentlich Studierenden werden zwar noch für den Wiederaufbau eingesetzt, wer weiss, wie lange. Aber für die Zukunft lässt das hoffen, und hoffen wollen wir, müssen wir.

Es hat sich hochgeschaukelt, ihr alle wisst das. Trotzdem kurz, damit wir vom Gleichen reden, ein Resümee.

Zuerst diese blöde Bemerkung von Bundespräsident Haslebacher. Laufende Kameras, aufzeichnende Mikrofone. Haslebacher, theatralisch und unreflektiert.

Dann der missglückte Staatsbesuch. Es war vorhersehbar, rückblickend. Rückblickend ist alles vorhersehbar.

Boykott unserer Landwirtschaft, wenig später. Alle Staaten minus Iran, Venezuela, der Vatikan. Das waren die drei Ausnahmen. Soll jeder selber entscheiden, ob das für uns von Vorteil war oder von Nachteil.

Was zurzeit noch ein schwieriges Thema ist: die Mobilität. Unser HB ist jetzt eigentlich unser EB, unser einziger Bahnhof. Da uns für die Wiederaufnahme des Luftverkehrs noch Bewilligungen fehlen, ist der HB für uns elementar wichtig. Dort erreichen die Güter des täglichen Bedarfs unsere Stadt, nur dort. Aus der Schweiz, auch das wisst ihr, erreicht uns derzeit nichts; die Lastwagen aus dem Süden und Westen beliefern den östlichen Aargau. Vor Dietikon machen sie kehrt.

Sie könnten uns vergeben, und das werden sie wohl auch, irgendwann. Aber nicht jetzt. Für Vergebung ist die Inflation zu hoch – so läuft das. Man sagt solches mittlerweile auch öffentlich. Haslebacher ist tot, seine Ideologie hat überlebt.

Dann kam der Krisengipfel. Politisch tot war er schon da. Oder in Politikersprache: Sein Fernbleiben sorgte für Irritation. Verniedlichen kann man alles.

Die wütenden Reaktionen – China am lautesten. Wer weiss, wo das hinführt – das Blabla aus Bern.

Ernst nahmen es wenige. Hat es einer von euch ernst genommen?

Jetzt kommt Skoll. Ihr kennt seine grosse Röhre, sein lautes Maul. Skoll wird unsere Bühne nutzen, wie er jede Bühne nutzt. Erhofft euch von ihm: nichts. Seit er Europakanzler ist, ist es schlimmer als zuvor mit ihm. Ragnar Skoll werde die Botschaft, da sie historisch sei, persönlich überbringen. Als ob das irgendetwas an seiner Show legitimieren würde.

Eine gewisse Bedeutung hat es für uns natürlich schon. Es wird für Zürich der erste hohe Besuch seit langer Zeit sein — und für Skoll übrigens der erste Auftritt in Deutschland überhaupt.

Haslebacher hat ein Streichholz angezündet, wozu?

Es kamen die Bomben, das Feuer, die Wut. Militärische Eskalation! Man kannte es aus Weltgegenden, die man für blöder hielt. Asymmetrisch verteilte Waffenstärke. Ein Ungleichgewicht. Andere Ausdrücke für: Katastrophe.

Da sind wir. Und ich rede ohne zu wissen, was ich sagen soll. Also rede ich von Schwänen. Wie sie eine neue Normalität symbolisieren. Eine neue Wirklichkeit, an die wir uns gewöhnen, zu gewöhnen versuchen. Wäre ich ein Politiker, würde ich hier eine rhetorische Pause einlegen.

Und dann von mir geben, theatralisch, unreflektiert, letztlich haslebacherisch: Nehmt euch ein Beispiel am Tierreich!


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