Der Kastanien-Skandal

Meine Kollegin (ihr habt sie schon kennengelernt, es ging ums Besamen) hat etwas erlebt, das sie euch eigentlich selber mitteilen könnte, wohl in besseren Worten als ich. Nun hat diese Kollegin, lasst sie uns Flü nennen, zwar einen Hang zu guten Themen, leider neigt sie aber zu nobler Schreibzurückhaltung (alias Schreibbescheidenheit, also known as Schreibfaulheit). Also erzähle ich euch ihre Geschichte:

Innenstadt von Oslo, Norwegen, 15.30 Uhr, es ist Nacht, wie immer, ich vermisse die hellen Schweizerwinternachmittage (die mir immer zu wenig hell waren, ich bin eine Nuss), und alles, was mich jetzt trösten und mich an mein Zuhause zu erinnern vermöchte, wäre ein Säcklein, es dürfte auch ein ganz kleines sein. In diesem Säcklein müsste es Marroni drin haben.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, aber, glaubt es mir oder glaubt es mir nicht, ich kann sie manchmal riechen (die Marroni, nicht die Geschichte, haha, der war schlecht), sogar ganz nah rieche ich sie, wenn ich auf dem Hanne-Hølsenbrø-Platz spazieren gehe, zwei Jacken unter dem Mantel, Lammfellmütze, Lammfellstiefel, Sherpa-Gesichtsschutz, denn in Norwegen, ihr ahnt es, ist es nicht nur fast immer dunkel, sondern auch ausnahmslos immer kalt, zwar riechen kann ich sie, aber nicht sehen.

Der Hanne-Hølsenbrø-Platz im Winter: Kulinarisches Zentrum der Hauptstadt, komm, ruft er, schreit er mit Gerüchen. Mit Düften.

Dort in der Holzhütte, gibt es da Marroni? Nein, Honigkekse. Und gebrannte Mandeln, vier Säcklein zum Preis von zweien. Ich widerstehe.

Drüben im Zelt? Nein, dort stinkt’s, auch optisch, das ist die Touristenhölle, Norwegen-Kühlschrankmagnete, Lappland-Socken, Lappland-Rentierstiefel, Grösse 35 bis 48; falls die wärmer sind als die Lämmer an meinen Füssen, her damit!

Früchte. Sie sind selten in Oslo. Hier gibt es für einmal Äpfel, in einem Marktstand aus rosa Plastikwändlein, und die Frau dort drin, ihr Haar ist gezöpfelt, tröpfelt Schokolade über die Äpfel. Äpfel mit Schokolade, gegen Heimweh nützt das nicht. Also gehe ich zurück und kaufe gebrannte Mandeln, ein Säcklein.

Falsch, natürlich kaufe ich vier Säcklein zum Preis von zweien. So funktioniert der Mensch.

Als ich gehen will – ich bin ja jetzt mit vielen Mandeln versorgt -, sehe ich die Marroni. Auch ihr Hüttchen ist aus Plastik, es leuchtet pink in die schwarze Nacht hinaus. Aus dem Marroni-Kochtopf zischt Dampf, er schiesst in die Höhe, ein meterbreiter, weisser Brautschleier.

Ich bestelle Marroni, der nette Herr tut sie ins Säcklein, ich strecke ihm das Geld hin, und was macht er? Streut Salz über meine Marroni!

Das war gelogen. Also nochmal, jetzt zu 100 Prozent ehrlich:

Als ich gehen will – ich bin ja jetzt mit vielen Mandeln versorgt -, sehe ich die Marroni. Auch ihr Hüttchen ist aus Plastik, es leuchtet pink in die schwarze Nacht hinaus. Aus dem Marroni-Kochtopf zischt Dampf, er schiesst in die Höhe, ein meterbreiter, weisser Brautschleier.

Ich bestelle Marroni, der nette Herr tut sie ins Säcklein, ich strecke ihm das Geld hin. Und er, auf Norwegisch, den Salzstreuer in der Hand, sagt: „Salz?“

Ich, panisch: „Halt! Nein!“

Er: „Sind Sie ganz sicher? Marroni ohne Salz??“

 

 

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