Ein Baumhaus mit Goldtreppe

(von Marc Kipfer, erschienen am 4. Juni 2010 in den Freiburger Nachrichten)

In einer Zeit, in der die Wirtschaft am Stock geht und neben ihr der Tourismus an Krücken, was tut da eigentlich die Luxushotellerie? Eine Antwort liefert uns dieser Tage das Hotel Le Vieux Manoir in Merlach: Im aktuellen Fall bevorzugt sie es, von oben auf ihre gebeutelten Weggefährten hinabzublicken – nicht sprichwörtlich, sondern physisch präsent, mit Diamantschimmer und auf meterhohen Goldstelzen.

Das Ding auf den drei krakenartigen Stützen ist eine neue Attraktion auf den wenigen Dutzend Metern zwischen dem Fünfsternehaus und dem Murtensee. Und es steht da, um ab sofort von zahlenden Gästen (für 1100 Franken pro Nacht) bewohnt zu werden. «Wie bringt man den See näher zum Gast, den Gast näher zum See?», das sei die Leitfrage gewesen, sagte die Architektin Jasmin Grego am Donnerstag bei einer Präsentation vor Ort. Weiter erklärte sie: «Als Zürcherin dachte ich immer, der See sei in Zürich, aber der See ist eigentlich hier.» Beim ersten Sonnenuntergang in Merlach sei ihr dann klar geworden: «Wir bauen ein Baumhaus.»

Mit der Vision kamen die Probleme. «Ich hatte Hemmungen, etwas in diesen wunderschönen Park zu bauen», so die Architektin. Das Resultat sei in dieser Hinsicht vertretbar, da der Glasdiamant («weil er aus Glas ist und schimmert wie ein Diamant») den Parkboden nur an wenigen Stellen berühre. Tatsächlich sind es deren vier – was für Baumhäuser schon eine recht ordentliche Zahl ist.

Nebst den drei Stelzen, die den Hotelpark um den lokalarchäologischen Pfahlbaueraspekt bereichern, berührt eine breite Treppe den Boden. Auch von ihr geht ein üppiger Goldglanz aus, und das nicht nur bei Sonnenschein. Selbst wenn es vor dem Vieux Manoir ausnahmsweise regnet, stürmt und matscht, bleibt die Treppe von dreckigen Schuhen verschont. Zwar führt, um vom Hotel zur Baumhaustreppe zu gelangen, der Weg zwangsläufig über den Parkrasen. Um dieses Abenteuer zu bewältigen, erhalten die Baumhausgäste aber Galoschen, wie die Architektin erwähnt: «Ganz tolle Galoschen!»

Hinauf. Ohne Galoschen, es ist nur leicht bewölkt. Vor dem Baumhaus gibt es eine kleine Terrasse, auf der man, sofern zu zweit angereist, problemlos die berühmte Szene aus dem Film «Titanic» nachspielen könnte. Das Wasser unten ist echt, die Bäume links und rechts ebenfalls, wenn auch manche Äste arg zurückgestutzt worden sind: Diese würden sonst zu den Baumhausfenstern hineinwachsen. Was Kinder bei ihren Baumhäusern cool fänden, ist hier offensichtlich unerwünscht. Natur pur, aber nur bis die Kunst beginnt. Es wäre zwecklos, jetzt einen Streit über Geschmack anzuzetteln: Die anderen Gäste sind bereits drauf und dran, sich ins Innere vorzuwagen.

Drinnen. Das Baumhaus ist nicht so sehr Baumhaus, wie das Wasser dort unten Wasser ist. Aus Holz sind die Decke und eine Trennwand hinter dem Doppelbett. Ansonsten: viel Glas, sogar der Boden besteht aus einem grünblauen Glasmosaik. Ein Hauch von Hundertwasser, dafür ein Hauch weniger Baumhaus. Warum das so ist, erklärt die Architektin, noch bevor jemand danach fragt: «Ein Baumhaus ist sonst aus Holz, das wollten wir aber nicht. Wir wollten uns der Natur gegenüber öffnen.» Und gegen zu viel Öffnung gibt es einen Mückenschutz, der auf Knopfbefehl vor den Fenstern in Stellung geht.

Die riesigen Fenster sind getönt und verdunkeln alles, was draussen ist. Um die Natur richtig hereinzulassen, öffnet Jasmin Grego mehrere Schiebefenster. Sie braucht ihre ganze Kraft dazu, 600 Kilogramm schwer ist jede dieser Scheiben. Diese Ungetüme von Fenstern hier hinaufzuhieven, zwischen all den Bäumen hindurch, sei «James-Bond-mässig» gewesen, so Jasmin Grego. Die Scheiben sind nun montiert und, darauf weist die Architektin hin, gegen aussen geneigt, «weil die Nase länger ist als das Gesicht». Ja, das Gesicht… Es sieht mit der Zeit, wie sich der See bewegt, und dann, dass es nicht der See ist, sondern der «Glasdiamant», der auf seinen Stelzen und im Wind wackelt. Welcome, Baumhüttenfeeling.

Jetzt wieder die Treppe hinunter. Von oben bestätigt sich der Eindruck, dass diese als Baumhausleiter-Ersatz etwas gar breit geworden ist. Das mag an den Bauvorschriften liegen und bietet immerhin den Vorteil, dass Strom, Wasser und Abwasser die Treppe mitbenutzen können: Die Leitungen, getarnt, verlaufen unter den Stufen. Diese bewältigt der Mieter zu Fuss; nicht mit den vom Hotel verteilten Flügeln, die der Künstler Ted Scapa, ebenfalls zu Gast, den zukünftigen Mietern wünscht, «weil die Treppe etwas mühsam ist».

Zum «Seeprojekt», das 2,5 Millionen Franken gekostet hat, gehören auch ein Floss auf dem See (inklusive Zugangssteg und massiven Sicherheitsgeländern), ein Badehäuschen mit Garderobe und Dusche, das, wenn es fertig ist, wie ein aus Gold geflochtener Korb aussehen soll, sowie ein Seehaus mit bemerkenswert wild kombinierter Inneneinrichtung.

Dass über Geschmack besser nicht gestritten wird, zeigt sich auch hier, am Ende des Rundgangs. Über dem Esstisch des Seehauses (hier zu übernachten kostet fast anderthalbmal so viel wie im Baumhaus) hängt, an einem ziemlich verkrümmten Kabel, eine weisse Papierlaterne mit vielen schwarzen Punkten. Sie sieht aus wie eine Ikea-Lampe. Das findet offenbar auch Vieux-Manoir-Mediensprecherin Esther Beck. «Ist das eine Ikea-Lampe?», fragt sie die Architektin Jasmin Grego. Nein nein, sagt diese, eine Kollegin habe die Lampe entworfen. Esther Beck revidiert ihr Urteil. Sie sagt: «Wow!»

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