Meine erste Million

In dem Moment, als ich die App Coinbase von irgendwoher auf mein Mobiltelefon lud (wo halten sich Apps auf, bevor man sie runterlädt?), da rechnete ich noch nicht damit, dass sich fünf Minuten (und drei Kreditkartentransaktionen) später mein Selbstbild, also das, was ich von mir selber halte, bereits nachhaltig verändert haben würde, und zwar nicht etwa in eine Richtung wie hey, du warst gerade technisch genügend geschickt, dir 0,01 Bitcoins, 0,1 Ethereum und 0,5 Litecoins zu kaufen, sieh mal an, du bist zwar wegen ein paar Jährchen kein Digital Native – du hattest deine erste E-Mail-Adresse (was damals der Inbegriff von Coolness war), als du schon aufs Untergymnasium gingst, also musst du wohl dreizehn oder vierzehn gewesen sein, und bis du später die erste SMS auf dem schweren, unhandlichen Handy deines Vaters (Marke: Ericsson) tippen würdest, sollten noch weitere vier Neunzigerjahre verstreichen –, aber ein wenig digital bist du offenbar doch, denn du besitzt jetzt schon von dem Zeug, das heute erst eine Minderheit besitzt, nämlich Kryptos, also mach dir in Sachen Digitalisierung mal nicht zu grosse Sorgen, und weil du relativ früh eingestiegen bist, du blitzschlauer Early Adopter, wirst du auch finanziell ein bisschen was davon haben, wenn man den Experten glaubt, die sich sicher sind, dass solche Währungen in Zukunft wertvoll sein werden, wegen der Blockchain und so, sondern eher in die Richtung hey, du bist wahrscheinlich tief in dir drin genau so ein Spekulantenarsch wie die Spekulantenärsche, über die man schimpft, doch genau das trat ein: Mein Selbstbild, das bisher ungefähr gelautet hatte hey, ich bin vielleicht auch nicht vor Gier gefeit, schliesslich bin ich ein Mensch, aber ein vergleichsweise eher bescheidener bis mittelgieriger Mensch, stürzte in sich zusammen. Seither checke ich fünfmal am Tag die Kurse.

Bedenklicher noch: Seit ich herausgefunden habe, dass die 0,01 Bitcoins, die sich in meinem Besitz befinden, ungelogen auch als 1’000’000 Satoshi bezeichnet werden dürfen – seit ich also zu meinem eigenen Erstaunen festgestellt habe, dass ich mich nicht nur mit gutem Recht zu den conquistadores de las tierras digitales zählen darf, sondern auch zu deren Millionären –, hat sich mein Hochmut noch vertieft.

Meine Befürchtung: Das alles könnte erst eine Zwischenphase sein – eine relativ unschuldige Zwischenphase der relativen Gierlosigkeit. Denn alles, wirklich alles ist relativ. Wie mag mein Portfolio bloss in fünf Jahren aussehen? Welche Kurse werde ich um 02:51 Uhr beim nächtlichen Gang auf die Toilette checken und dazu eigens mein goldenes iPhone XV aus der Seidenpyjamabrusttasche ziehen?

Werde ich Aktien einer chinesischen Kobaltmine in Kongo-Kinshasa besitzen? Oder Derivate, die frohgemut darauf wetten, dass der Staat Kongo-Kinshasa mit seinen 80 Millionen Menschen bankrott geht (wobei ich vielleicht besser zu Sambia tendiere, oder Ghana – oder alle drei)?

So schlimm wird es nicht werden, hoffe ich. Ich möchte, irgendwann, zu Bescheidenheit zurückfinden, zu einer genügsamen Lebensweise. Einfach mal mit dem zufrieden sein, was man hat.

(Und daneben, auf Coinbase, etwas Spielgeld für mich arbeiten lassen. Eine Milliarde Satoshi, das wäre eine schöne Zahl.)

 

6 Gedanken zu “Meine erste Million

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