Jesus spricht schlecht Japanisch

Meine Beine hatten in dem winzigen Mitsubishi kaum Platz. Ich versuchte es mit einem angestrengten Schneidersitz, doch so berührte mein rechtes Knie den Schaltknüppel, und das störte meine Kollegin Kimiko. Sie hatte mich am Bahnhof von 北九州 abgeholt; sie wollte mir ihre südliche Heimat zeigen, wenn ich schon mal in Japan war.

Auf meine gewöhnlichen Touristenträume (Vulkane, heisse Quellen…) setzte sie sofort einen drauf: „Wir werden in einem Tempel übernachten!“
Dort fuhren wir hin, und es war das Schlaraffenland. Das Abendessen: acht Gänge, alles lecker, alles kostenlos. Der Tempel hatte seine eigene heisse Quelle, und das Männerbad hatte ich an diesem Abend für mich allein. Alles Hektische dampfte und blubberte aus mir raus. Entspannt schlarpte ich später in mein Zimmer (unterwegs drückte mir eine Frau ein dünnes Büchlein in die Hand) und bettete mich in meinen weichen Futon.

Draussen zirpten die Zikaden. Es war schön.

Ich wollte noch nicht schlafen, also kümmerte ich mich um das Büchlein. Zu meiner Überraschung war es auf Deutsch geschrieben. Der Autor: Ryuho Okawa.

Den kannte ich nicht. Das war offenbar mein Versäumnis, denn wenn das alles stimmte, was in dem Büchlein stand, dann sollte Herr Okawa eigentlich weltberühmt sein.

Okawa war einmal ein gewöhnlicher Angestellter, ein Salaryman in einem riesigen japanischen Unternehmen. Er war ein kleines, unbedeutendes Zahnrädchen.

Dann schlug er einen neuen Weg ein: Er gründete einen Tempel, dann viele, viele weitere Tempel, und er nennt sich jetzt El Cantare. Das klingt nach einer billigen Karaoke-Bar. Aber weit gefehlt: El Cantare füllt mittlerweile das grösste Stadion des Landes, den Tokyo Dome, wenn er seinen Geburtstag mit 50’000 Gästen feiert. Kein Wunder, wenn dort das Essen auch gratis ist, dachte ich.

Doch dann las ich weiter: Ryuho Okawa, also El Cantare, ist die Reinkarnation Buddhas. Und er ist der Nachfolger des Götterboten Hermes. Es folgten ein paar weitere grosse Namen… Okawa ist sie alle.

Jetzt kommt’s, dachte ich, jetzt bezeichnet er sich gleich als Jesus.

Falsch. Okawa ist nicht Jesus. Aber er hat ihn getroffen:

„Im Juni 1981 erschien mir Jesus Christus und offenbarte mir seine Wahrheit in all ihrer Grösse. Er sprach mit ausländischem Akzent.“

Ich sah mich im Zimmer um: Erst jetzt fielen mir die vielen Broschüren und Bücher auf; es gab sie in etwa 20 Sprachen. Die meisten waren für Kinder gemacht. Grosse Schrift, einfache Sprache. Und es gab Comics. El Cantare als Superheld. Ich befand mich im Haus einer Sekte.
Würde ich am Morgen problemlos rauskommen? Hatte ich meine Adresse hinterlassen? Hatte Kimiko denen etwa meinen Namen angegeben?

Diesmal waren mir meine Beine egal – ich war froh, als ich wieder im Mitsubishi sass. Als wir den Tempel im Rückspiegel aus den Augen verloren, seufzte Kimiko: „El Cantare ist wie Gott.“

***

(Diesen Artikel veröffentlichte ich am 1. November 2007 in der Zeitung Berner Landbote. Damals fand ich auf Google kaum etwas über Ryuho Okawa und seine Bewegung Kofuku no Kagaku. Heute, neun Jahre später – mir läuft es kalt den Rücken runter -, nennt sich die Gruppierung Happy Science und hat nach eigenen Angaben 12 Millionen Mitglieder in 90 Ländern. In Japan hat Okawa eine nationalistische Partei gegründet, die Happiness Realization Party (Kofuku Jitsugen-to). Sie will es der japanischen Armee erlauben, wieder aktiv Kriege zu führen, anstatt sich nur zu verteidigen. Sie will, dass sich die japanische Bevölkerung verdoppelt. Angesichts der nordkoreanischen Bedrohung soll sich Japan zudem Atomwaffen zulegen. Das japanische Massaker an Chinesen in Nanking von 1937 (hunderttausende Tote, zehntausende vergewaltigte Frauen und Mädchen) sei eine Übertreibung, die Entschuldigung Japans ein Fehler. Das alles ist El Cantare. Und er schreibt weiter Kinderbücher.)

 

5 Gedanken zu “Jesus spricht schlecht Japanisch

  1. Tjaaa…da ist es vom Gottkomplex bis zum faschistischen Wahn wieder mal nur ein kleiner Schritt. Noch ein Haufen Wahnsinniger, von dem ich bisher nichts wußte. Als wären antiwissenschaftliche Klimatiker und Schöpfungslehrer nicht genug. Oder Anti-Impflinge. Oder Donald Trump.
    Die Aufklärung hat echt voll versagt.

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