Bier trinken mit einem Drecksack

Früher hatte ich mal eine Freundin, die fremdging. Sie traf sich mit einem anderen Mann, einem Kollegen von ihr. Vier oder fünf Monate lang ging das so, und ich wusste es die ganze Zeit. Zwischen uns lief es gut, sogar während sie das tat; sie hatte also eigentlich keinen Grund, wie ich fand.

Ich habe sie nie darauf angesprochen, dafür interessierten mich ihre Beweggründe zu wenig. Oder etwas ehrlicher: Ich war zu feige. Aber regeln wollte ich die Sache dann doch, und zwar auf meine Art.

Ich organisierte, dass ich den Typen kennenlernte, der mit ihr schlief. Ich überredete ihn, mit mir ein Bier trinken zu gehen – unter einem Vorwand, denn er hatte keine Ahnung, dass ich es wusste. Ihm war anfangs nicht wohl dabei, und das gefiel mir. Immer schaffte ich es, dass wir uns für einen weiteren Abend verabredeten. Die Frau war zu dem Zeitpunkt nicht mehr da, ich hatte nichts mehr mit ihr zu tun – und er traf sie auch nicht mehr, das wusste ich hundertprozentig. Also fing ich an, über sie zu sprechen. Er wusste viel über sie zu erzählen, doch er begriff noch immer nicht, dass ich im Bild war.

Er schwärmte von ihr. Ich spürte: Er hatte sie geliebt. Und das Schlimmste: Er wurde mir sympathisch. Er war Schauspieler von Beruf. Und ein schlechter Schauspieler noch dazu – im Beruf und privat. Ich durchschaute ihn. Aber er war mir sympathisch, man könnte sagen, dass er mir plötzlich ziemlich nahe stand. Wir wurden tatsächlich so etwas wie Freunde.

Ein paarmal spielte ich mit dem Gedanken, ihn umzubringen. Für das, was er getan hatte. Ich dachte wirklich, ich würde es demnächst tun.

Schliesslich aber brach ich einfach den Kontakt zu ihm ab. Und das war’s dann. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine Mission erfüllt war.

Diese Geschichte habe ich natürlich nicht selber erlebt, was denkt ihr denn! Sie stammt aus dem neuen Buch von Haruki Murakami.
Für sowas hätte ich überhaupt keine Nerven…


Haruki Murakami: Von Männern, die keine Frauen haben. Sieben Erzählungen auf 254 Seiten. Erschienen bei btb, 2016. 

4 Gedanken zu “Bier trinken mit einem Drecksack

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