Von Beruf: Lügner

Es gibt viele schöne Berufe auf der Welt.

Freunde von mir haben sich, wohl alle freiwillig, die Bürde folgender Berufe aufgeladen:
Jurist,
Ökonom,
Finanzberater.
Muss jeder selber wissen, sage ich, meines Zeichens
Journalist.

Gemeinsame Freunde, die Handwerker geworden sind, nennen uns:
Berufslügner.
Weil sich Juristen, Ökonomen, Finanzberater und (mindestens so oft auch) Journalisten gerne der Lüge behülfen, sobald es auf redlichem Weg nicht recht vorwärts gehe.
Also meistens.

So sehen das die Handwerker.
Damit kann ich umgehen, denn:
Boulevardfinanzberater und Boulevardjuristen gibt es wohl genauso viele, wie es erwiesenermassen Boulevardjournalisten gibt. Die lügen alle nicht, aber sie über- und untertreiben, und das sind Vorstufen.
Aber ebenso gibt es überall viele, viele seriöse Exemplare. Die Kollegen glauben mir (glaube ich), dass ich so eines bin.

Ungemütlich wird es, wenn Meinungsmacher, also beispielsweise Politiker, dasselbe sagen. Denn die sagen es meistens laut, damit es jeder hört, der alleine nicht auf die Idee kommt.
Sie reden dann von der Lügenpresse. Sie meinen damit: Bei Zeitungen, Zeitschriften, Radio, TV, Onlinemedien arbeiten nur Berufslügner.

Dasselbe sagt Herr T.
Ihr kennt ihn.
Alle um ihn herum beschönigen, manipulieren, lügen… am schlimmsten die Journalisten. Sagt er, und viele Leute finden gut, dass das mal endlich einer sagt.

Herr T. hat das aber nicht selber erfunden.
Nichts an dem, was Herr T. über die Medien sagt, ist neu.
Das gab es alles schon vor 173 Jahren.
Das beweisen uns nun die Leute vom Zürcher Manesse-Verlag. Die haben einen Lügenpresse!-Schrei(b)hals erster Güte entdeckt. Lustigerweise trägt er einen Namen, der an einen grossen Autor erinnert:
Honoré de Balzac.

Natürlich ist es der richtige Honoré de Balzac. Der mit den Balzac-Cafés, die mir in deutschen Städten schon aufgefallen sind. Und Balzac hat bezeichnenderweise auch, es ist lange her, Die menschliche Komödie geschrieben.
Davon haben wir soeben wieder den ersten Akt erlebt. Nach Einschätzung vieler wird die Komödie dieses Mal im zweiten oder dritten Akt zur Tragödie oder bestenfalls zur Tragikomödie.

Der Schlag mit dem Krummsäbel

Balzac war also vielleicht ein Prophet.
Auch wenn er diesmal vordergründig nur von Journalisten spricht.
Sein Buch, soeben erstmals auf Deutsch erschienen, heisst: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken.

Journalisten, lehrt uns Balzac, schreiben nicht, um zu schreiben, sondern um irgendwann etwas Besseres zu werden, also Staatsbeamte, Berater von Politikern. Oder: Politiker.

Balzac beobachtet (im Jahr 1843!), dass die Zeitungen beginnen, sich mit Leere zu füllen. Gute Hintergrundartikel fehlen, denn: Kein Blatt ist reich genug, um gewissenhaftes Talent und ernsthafte Recherchen zu honorieren.

Er formuliert auch einige Grundsätze, an die sich Journalisten seiner Meinung nach halten:

Erst draufhauen, dann klären.

Den Menschen, auf die gehauen werde, komme dies zugute: Kritisiert zu werden, sei viel besser und aussenwirksamer, als in Lob zu versinken. Lieber einen Schlag mit dem Krummsäbel, als zwischen zwei wattierten Matratzen ersticken.

Trotzdem hasst Balzac die schreibenden Kritiker und Spötter:
Diese Jungen meinen, dass witzig zu sein einem das Denken erspart.
Anstatt zu denken, würden sie die Gedanken jener, die denken, kritisieren. Denn, so ein weiterer Grundsatz:

Das Verleumden und Diffamieren von Gedanken steht nicht unter Strafe.

Darum seien viele Persönlichkeiten, die vielleicht ursprünglich nur einen klitzekleinen Fehler begangen haben, von Journalisten ruiniert worden:
Sie haben da, wo bei einer löchrig gewordenen Reputation allenfalls ein kleiner Finger hineingepasst hätte, ihre Hände bis zu den Ellenbogen hineingezwängt.

E-Mails vom falschen Server verschickt?
Stochern, stochern, stochern.
Ist mir nur gerade in den Sinn gekommen.

Unser Herr T. ist natürlich kein Journalist. Diesen Umweg hat er nicht gebraucht.
Doch Balzac würde wohl charakterliche Parallelen bestätigen. Fragen wir also den Propheten von 1843:
Was wird Herr T. tun, jetzt, wo er sozusagen Zeitungsdirektor ist?

Ich wünsche mir, Balzac täusche sich mit seiner Einschätzung von damals:

Ist der Direktor eifersüchtig auf die Talente, deren er bedarf, umgibt er sich zumeist mit Mittelmäßigen, die ihm schmeicheln und mit denen seine Zeitung billig wird. Auch die bestgemachte Zeitung von Paris lässt sich so zugrunde richten.

 ***

Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken. Die schrägen Typen der Journaille. 320 Seiten, erschienen zwischen zwei ziemlich crazy gelayouteten Hardcover-Deckeln beim Manesse-Verlag, Zürich, 2016.

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