Die Wahrheit

Wenn ein Song mit einem grossspurigen Titel wie Die Wahrheit daherkommt, hört man besonders gut hin. Das habe ich getan, kurz nachdem ich im September 2006, vor genau zehn Jahren, in der Redaktion einer Lokalzeitung sass und das damals brandneue Album von Kante aus dem senffarbenen Luftpolstercouvert zog.

Das mir von einer Musikfirma ungebeten zugesandte Werklein hiess Die Tiere sind unruhig, schien für ein vollwertiges Album provokativ wenig zu bieten, nämlich sieben Songs, war aber punkto Ideen- und Wortgewalt nicht minimalistisch, sondern das Gegenteil davon.

Ich hörte hin, immer wieder, im Auto, zu Hause, während der Arbeit, und bezeichnete das Album in meinem ausufernden Artikel im September noch schüchtern als CD des Monats. In der letzten Dezember-Ausgabe dann bereits als CD des Jahres. Mein sehr, sehr dominanter und kritischer Redaktionskollege akzeptierte diese Wahl nur brummelnd und vor sich hinknurrend („niemand kennt diese Band!“), er liess mich aber knapp gewähren.

Als nur kurz darauf die Zeitschrift Musikexpress noch grössere Lobeshymnen für das gleiche Album auspackte, war er stolz auf mich, der Kollege. Er konnte es mir nicht sagen, das brachte er nicht über Herz und Lippen, aber sein Blick war ein Nachmittag lang weniger skeptisch, ein Hauch, nein, ein Häuchlein.

Natürlich hatte er recht: Kaum einer kennt Kante.
Aber ihr Song kommt ziemlich nah an das heran, wie ich mir die Wahrheit vorstelle, wenn sie sich einem Menschen präsentiert, nackt, hemmungslos, in Stunden des Zweifels:

Wenn alles ruhig und dunkel wird
und du mit dir alleine bist
wenn in der Welt, die dich umgibt
jeder vertraute Glanz erlischt

Wenn du wo du zuhause bist
dich wie ein Gast, ein Fremder fühlst
mit gekauften Passpapieren
und schlecht gefälschtem Lebenslauf

Wenn die Bücher im Regal
und die Musik, mit der du lebst
auf einmal schal und billig wird

Wenn du dich reden hörst und denkst
dass nur Berechnung darin ist
und dass du, wenn du ehrlich bist
nicht wirklich viel zu sagen hast

Wenn alles, was dir wichtig ist
so erscheint, als hätte das
mit dir im Grunde nichts zu tun

Dann weisst du eines ganz genau
dann weisst du eines ganz genau
auch wenn’s dir anders lieber wär
Dass das einfach die Wahrheit ist

Wenn du die du für Freunde hältst
die du bewunderst und verehrst
vor deinen Augen lügen hörst
und ohne Würde scheitern siehst

Wenn du nur ihre Eitelkeit
und nichts mehr Liebenswertes siehst
und nicht mal Mitleid für sie spürst

Dann weisst du eines ganz genau
dann weisst du eines ganz genau
auch wenn’s dir anders lieber wär:
Dass das einfach die Wahrheit ist
und auch ein wenig lächerlich

Wenn deine Eltern, die du liebst
die immer alles für dich waren
dir nur noch lächerlich erscheinen
weil sie so alt und hilflos sind

Wenn die Person, mit der du lebst
dich immer weniger versteht
und die Person, mit der du schläfst
dich auf einmal nicht mehr erregt

Wenn deine Tränen nicht mehr kommen
weil du dich für dich selber schämst
und selbst die Tränen fremd erscheinen

Dann weisst du eines ganz genau
dann weisst du eines ganz genau
auch wenn’s dir anders lieber wär
Dass das einfach die Wahrheit ist
und auch ein wenig lächerlich

Wenn jemand sagt, dass er das kennt
und dass du nicht alleine bist
dass die Gespenster wieder gehen
wenn es wieder Morgen wird
dass er bis dahin bei dir bleibt
dass er dir Trost und Nähe gibt
und wenn er sagt, dass er dich liebt

Dann weisst du eines ganz genau
dann weisst du eines ganz genau
das eine weisst du ganz genau:
Dass das einfach die Wahrheit ist

und auch ein wenig lächerlich.

 

 

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