Der Mensch kann Geld nicht fressen, die Katze schon

Was ist Erfolg?
Ich finde: Wenn man mit seinem Tun etwas bewirkt, das nicht nur einem selber zugute kommt.

Kann Geld allein bereits Erfolg sein?
Ja, in gewisser Weise: Wenn man genug verdient, um Kinder grossziehen zu können, die dann die Welt  – hoffentlich – ein wenig besser machen. Oder genug, um jemandem davon abzugeben, für den dieses Geld ein Mittel zum Leben ist, nicht ein Weg in den Luxus.

Wie komme ich darauf?
Ich habe mich heute an einen meiner grössten Erfolge erinnert aus meinen ersten Jahren im Journalismus. Ich schrieb über finanziell arme Menschen in der Schweiz; genauer: über ein Buch, das vom Alltag dieser Menschen handelt.

Eine Leserin schrieb mir einen Brief, nur wenige Tage nachdem der Artikel erschienen war. Sie spendete einem Mann, über den ich geschrieben hatte, die 360 Franken, die er dringend brauchte. Er bezahlte damit die Reparatur seines Mofas. Seines Töfflis.

Erschienen am 4. Dezember 2010 in den Freiburger Nachrichten:

360 Franken sparen? – fast unmöglich.

Weil das Thema Armut hierzulande in der politischen Debatte und dem Konsum-Alltag vieler Schweizerinnen und Schweizer zumeist ausgeblendet wird, haben sich der Journalist Walter Däpp und der Fotograf Hansueli Trachsel an die Arbeit gemacht: Im Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung haben die beiden Berner mit Menschen gesprochen, die von wenig Geld leben müssen. Manche, weil sie ihr Leben in der reichen Schweiz schon aus einer schlechten Ausgangslage antreten mussten. Andere, weil ihr Leben aus der Bahn geriet.

Walter Wälti kann nicht mehr arbeiten. Sein Rücken ist kaputt. Die 43 Jahre auf dem Bau haben eben Spuren hinterlassen. Die Invalidenversicherung glaubt ihm das nur teilweise. Mit seiner knappen IV-Rente und Sozialhilfe schafft es Wälti auf ein bescheidenes Einkommen. Nach Abzug der Fixkosten wie Wohnungsmiete und Krankenkasse bleiben ihm 800 Franken für alles andere: Essen, Kleider, das Elektrische, PC, Fernseher. Mobil ist Wälti dank einem Töffli. Genau dieses Töffli machte ihm jemand kaputt. Wälti muss es für 360 Franken reparieren lassen. „360 Franken! Fast unmöglich, das zusammenzusparen!“, sagt der 60-Jährige im Interview.

Obwohl er, wie er sagt, kaum noch etwas erlebt, hat Wälti Träume. Etwa diesen: Seit 40 Jahren schreibt er an einer Geschichte. Es ist eine Kindergeschichte über eine alte Nähmaschine. Ob er diese je zu Ende bringe, wisse er nicht, denn momentan sei auch sein PC kaputt – „Ich hoffe, dass man ihn noch flicken kann.“

Viel Arbeit, keine Bildung

Eine Frau, die sagt, manchmal sei sie fünfzig, dann zwanzig, dann hundert, dann wieder zwanzig. Nelly Schenker hatte eine schwierige Kindheit, da war kein Vater. Keine Geschwister. Mit sieben Jahren kam sie in ein Heim, später in andere Heime, bis sie schon längst erwachsen war. Den Autoren erzählt sie: „Die Klosterfrauen, zu denen ich abgeschoben wurde, missbrauchten mich bloss als Arbeitskraft. Jahrelang musste ich sticken, sticken, sticken. Jede Schulbildung wurde mir vorenthalten, obwohl ich dafür kämpfte.“

Mit 26 gelang ihr die Flucht, dann kamen eine Ehe, zwei Töchter. Heute ist Nelly Schenker Grossmutter. Sie lebt von der AHV und Ergänzungsleistungen. Geld ist immer knapp; Schenker muss einteilen. Sie sagt: „Dass man mir die Schulbildung vorenthalten hat, hat mich arm gemacht.“

65 Rappen frisst die Katze

Oder da ist Markus Bianchi, HIV-positiv, oft alleine mit seinem Fernseher. Berufsleben und Beziehung hat er sich mit Drogen zerstört, Geldprobleme haben ihn durch diese ganze Zeit begleitet. Früher hat er gestohlen, heute reichen IV-Rente und Ergänzungsleistungen, um zu wohnen. Und: zu essen.

Bianchi pflegt heute den Garten einer alten Frau, und er leistet Aids-Aufklärungsarbeit in einem Pfarramt. Der 46-Jährige wünscht sich eine Beziehung, eine Familie, „um später nicht ganz allein zu sein“.
Katze Sari ist die Einzige, die bei ihm ist. Von dem wenigen Geld isst auch sie. Glücklicherweise ist auch Sari nicht anspruchsvoll. Sie verschlingt 65 Rappen pro Tag.

Walter Däpp, Hansueli Trachsel: «Vom Traum, reich zu sein: Armutszeugnisse aus der Schweiz.» Stämpfli Verlag, 2010. 

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