Das Céline-Dion-Fan-Shirt

Als ich noch jung war, so jung, dass ich beim Frühstück keinen Kaffee trinken durfte, und ich meine Kleider für den bevorstehenden Tag nicht selber aussuchen musste, da habe ich meinem Vater und meiner Mutter am Frühstückstisch zugesehen, wie sie Zeitung lasen. Ich wusste zu dieser Zeit schon, obwohl ich in geschildertem Masse jung war, dass man Bücher von vorne nach hinten liest. Mit Zeitungen ist das anders, beobachtete ich: Zeitungen beginnen zuhinterst, auf der letzten Seite, wahrscheinlich beim letzten Wort.

Später, noch vor dem ersten Kaffee, begann ich selber Zeitung zu lesen, zuerst ein paar Jahre lang den Sportteil, später auch Politik, Regionales, Kultur. Wenn’s sein musste Wirtschaft. Bis ganz hinten bin ich selten durchgedrungen.

Später, nach dem ersten Kaffee, dem ersten Bier, dem ersten Tequila sogar, dem Whiskey, ein paar Saufferien, ich geb’s zu, war ich bei einer Tageszeitung angestellt. Da interessierte sie mich noch weniger, die letzte Seite; ich wollte auf die erste. Die Seiten 1 bis 5 waren mein Schreibplanet, und schaffte ich es dort rein, dann war es ein gelungener Tag. Die Artikel ganz hinten kauften wir ein, die wurden für uns gemacht – die Menschen, die das machten, habe ich nie kennengelernt.

Auch ein Whiskey-Liebhaber ist Jason Derulo. Noch lieber mag er Mojito. Er ist Sänger, 26, lebt in Amerika, in einer Villa in einer Gegend von L.A., die Tarzana heisst. Tarzana. Und in seinem Badezimmer hat er sich, der Jason – neben dem Waschbecken nämlich -, eine kleine Bar einrichten lassen, eine mit Gläsern und natürlich mit ein paar Flaschen, und wenn er einen Mojito will, jetzt, sofort, dann geht er nicht in die Küche runter, der Jason, denn er hat ja im Badezimmer eine Bar. Schlau. Seine ganze Villa befolgt das Motto: «Wo immer du bist, solltest du das haben, was du willst und brauchst.» – Sollte er plötzlich die Schauspielerin Selena Gomez wollen oder brauchen, dann muss er seinen Arsch aber leider etwas weiter bewegen, denn die ist am Konzert von Céline Dion. Zumindest war sie das, als Céline Dion in L.A. gesungen hat, es war im Caesars Palace. Selena hatte sichtlich Spass, ihre Freundinnen auch. Sie trugen Fan-Shirts. Und die Songs konnten sie mitsingen, nicht einfach irgendwie, sondern sogar stilsicher.

Stilsicher ist auch Max Kruse. Er spielt beim VFL Wolfsburg, und dann zwischendurch gerne auch irgendwas im Casino. Letzten Sommer hat er 75 000 Euro in einem Taxi vergessen, das war nicht in Wolfsburg, sondern in Berlin. Trinkgeld wird es kaum gewesen sein, sondern Zockerei für nichts und wieder nichts.

So etwas schreiben diese Menschen, die ich nie kennengelernt habe. Und ich sage mir: Wären auf der letzten Zeitungsseite nicht Jason, Selena und Max, dann wäre dort Platz für, ich sage es mal ganz frech: Literatur. Oder für einen Cartoon zum Ausmalen, mit leeren Sprechblasen zum Reinschreiben. Oder für eine leere Seite – dann könnte ich dort meinen Einkaufszettel kritzeln:
Kaffee.
Whiskey.
Eine anständige Zeitung.

 

 

PS: Für den Titel dieses Beitrags habe ich auf duden.de nachgesehen, ob es Fan-Shirt oder Fanshirt heisst. Duden stellte mir eine Gegenfrage: Meinten Sie Gänsehirt?

11 Gedanken zu “Das Céline-Dion-Fan-Shirt

  1. Genau so und sehr sinnig geschrieben. Die letzte Seite übergehe ich in der Regel. Ich erfahre sowieso, was Königs, Bratwurstpromis und sonst noch so unbekannte Adabeis tun. Meine Familie stöbert gerne auf der Seite rum. Dann kommen Bemerkungen wie: Da fehlt ein Wort im Satz. Es hat wieder mal Grammatik-/Orthografiefehler. Wieso können die das bei der Firma mit den drei Buchstaben nicht Korrekturlesen? Hast du schon mal von [unbekannter Name] gehört? etc. etc. Aber die Leser wollen offenbar auch in einer seriösen Tageszeitung einen Hauch von Boulevard, Glamour, Glitter und Hollywood. A propos wood – Bollywood fehlt übrigens auf der Seite, ist dir das schon aufgefallen?

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  2. Ganz hinten: Feuilleton. Die Blättchen. Früher nannte man die ganze Zeitung „das Blatt“. Und nach dem Blatt kamen dann die Blättchen. Die Leute, die das schreiben, sind Feuilletonisten. Wenn sie Glück haben. Wenn sie kein Glück haben, schreiben sie nicht für die Zeitung. Dann schreiben sie Blogs.

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    1. Die Zeitungen, bei denen zuhinterst das Feuilleton kommt, sind von vorne bis hinten anständige Zeitungen. Ich schreibe von Zeitungen, die bis zur zweitletzten Seite seriös sind – darunter viele gut gemachte regionale Blätter mit zu kleinem Budget für „Blättchen“ – und dann kommen auf der letzten Seite Promi-Geschichten, die nicht mal richtige Geschichten sind. Warum nicht weglassen? Auf der Zweitletzten aufhören und sich das Allerletzte sparen?

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