Hast du gesehen, wie dumm der ist?

Neulich in der Filiale einer Schweizer Grossbank: Zwei Mädchen studieren an der Wand die Ergebnisse eines Kinder-Malwettbewerbs. Und freuen sich: Das grössere der Mädchen hat gewonnen. Es hat das vorgegebene Motiv – ein Baum, ein paar Blumen, zwei Vögel, die Sonne – am schönsten ausgemalt. Finden die von der Bank.

«Mein Bild ist am schönsten», bestätigt das Mädchen, ohne zu zweifeln. «Wirklich, schau mal die anderen an», sagt es zur Kleineren. «Da hat noch einer einen Helikopter gemalt, oder was ist das?», spottet die Siegerin. «Hä, so doof, warum einen Helikopter?», lacht die Kleine und tippt sich an die Stirn.

«Und schau mal dieses Gekritzel an», wundert sich die Grössere weiter. «Der wollte sicher gar nicht mitmachen», suchen die Mädchen nach einer Erklärung für eine so schlechte Zeichnung. Aber den Gipfel der Frechheit entdecken sie erst jetzt: «Nein!», ruft die Kleine; «Neiiin!», machen beide im Chor und prusten wild drauflos. «Mama, hast du gesehen, wie dumm der ist?», fragt die Kleine. Sie ist ganz aufgeregt. «Der hat ja die Vögel gar nicht ausgemalt, einfach weiss gelassen hat er sie, und den Himmel und die Blumen auch. Haha!»

Nur die Mutter, sie macht nicht «haha», sondern versucht die Mädchen – offenbar ist das erzieherisch korrekt -, darauf hinzuweisen, dass es auch weisse Vögel und Blumen gebe und die Zeichnung von diesem Bub halt ein wenig, naja, anders aussehe.

Schade. Denn die Reaktion der Mutter wird erst der Anfang sein. Die Mädchen sind jetzt sechs und fünf Jahre alt, so steht es auf ihren Zeichnungen. Bald werden sie zur Schule gehen und dort unter dem Lernziel «Sozialkompetenz» lernen, dass Kritik eine heikle Sache ist. Dass sie besser sparsam und nicht allzu persönlich geäussert wird. Mit den Jahren werden die Mädchen viel von der Kunst einbüssen, die Dinge einfach beim Namen zu nennen.

Wirklich schade. Denn bei einem Malwettbewerb mitzumachen und die Hälfte nicht auszumalen, ist tatsächlich ein bisschen dumm.

 

(Erschienen am 28. September 2009 in den Freiburger Nachrichten; leicht überarbeitet)

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