Faustregel 9/38

Reissen! Schneiden! Vernichten! Das Cover dieses Buches muss weg. Auch der Klappentext, der Kurzbeschrieb auf Seite 2, alles ins Altpapier, fort damit! Klar, das erfordert ein bisschen Kaltblütigkeit (und eine Schere). Aber es tut gut, richtig gut.

Warum so grob mit einem Buch umgehen, warum Kunst zerstören? Darum: Die Verlagsmenschen (die von Heyne) haben mir die Geschichte und alle Spannung aus dem Buch geklaut. Diebstahl. Und das ging so:

Zuerst war da ein Loch. Das ist der Schauplatz meines Ärgers: das Loch. Tom Winter – so heisst die Hauptfigur – entdeckt das Loch in seinem Keller. Klappentext: Das abgeschiedene Haus auf dem Land ist genau die Art von Zuflucht, die Tom Winter nach seiner Scheidung sucht. Doch als er hinter der Kellerwand einen verborgenen Gang entdeckt, ändert sich sein Leben – und das Leben aller Menschen auf der Erde – für immer. Bis hierhin alles gut.

Und jetzt bahnt sich der Skandal an. Der Klappentext geht nämlich weiter. Und zwar so: Denn als er am anderen Ende des Ganges herauskommt, befindet er sich im New York des Jahres 1962. Und er ist hier nicht der einzige Mensch aus der Zukunft …

Tönt noch immer okay. Ein bisschen nach Stephen King. Lange nicht mehr gelesen, den King, also los. (Auch wenn das hier Robert Charles Wilson ist, das Buch heisst Chronos und ist nun auch für euch hinfällig, sorry, aber das liegt am Verlag, ich sagte es oben schon.)

Ich klappe das Buch auf. Auf Seite 2 kommt nochmals der Klappentext, mit einer Ergänzung: Doch es gibt noch jemanden, der den Tunnel durch die Zeit kennt. Aha. Dort herrscht also Verkehr – und wohl auch Gegenverkehr – in dem Tunnel hinter dem Loch im Keller. Also, weiter im Text.

Auf Seite 9 beginnt die Geschichte – und ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Tom Winter schaut sich also dieses Haus an. Pass auf, dort hat es ein Loch! Im Keller, Tom, schau im Keller nach, bevor du… Meine guten Ratschläge bringen nichts, ich habe einen Informationsvorsprung auf Tom, also muss ich miterleben, wie der arme Kerl sein Vermögen dem Makler überreicht. Ganz fest stolz ist Tom auf sein neues Haus, er hält es für ein Schnäppchen.

Er zieht ein, und natürlich beginnt es zu spuken. Tom ist einer, der abends die dreckigen Pfannen und seinen Teller, sein Besteck nicht abwäscht. Er lässt das Zeug in der Küche stehen und – oh, Wunder – am Morgen ist alles sauber. Schau im Keller nach, dort hat es ein Loch, Tom, dort kommen Menschen durch, aus New York, und zwar aus dem New York vor fünfzig Jahren, und pass auf, dort begegnest du einem Bösen. Tom schaut nicht im Keller nach. Er wundert sich. Wundert sich. Wundert sich. Wundert sich. Wundert sich. Auf Seite 83 findet er das Loch. Und – danke, lieber Verlag! – landet in New York. Alles sieht alt aus.

Hier gewannen meine Emotionen die Überhand, und es kam zum eingangs geschilderten Buchmassaker.

Aus dieser Buchklappentextpanne habe ich etwas gelernt: Viele gute Bücher beginnen auf Seite 9 (z. Bsp. Anna Karenina von Tolstoi, bei Diogenes, 1985, aber auch die Sudelhefte von Mani Matter). Der Rest muss weg. Nie mehr will ich einen Klappentext lesen, nie mehr den Vorspann. Wenn Hände und Schere ihre Arbeit getan haben, lese ich die Seiten 9 bis 38. Denn dreissig Seiten soll man einem Buch geben, um es beurteilen zu können, lautet eine Faustregel. Meine Weiterentwicklung, meine Faustregel, heisst 9/38. (Das wird euch nicht überraschen, ich hab’s ja im Titel verraten). Ich empfehle sie dringend für ein kulturell erfülltes Leben mit Büchern.

Man kann sie auch für Musik-Alben anwenden, die Faustregel 9/38. Man nimmt ein neues Album, wählt Song Nr. 9, hört sich die ersten 38 Sekunden an, und man weiss Bescheid.
Coldplay, A Head Full Of Dreams: Der 9. Song heisst Amazing Day, ist aber nach 38 Sekunden noch nicht amazing, sondern langweilig. Weg mit dem ganzen Album.
Aerosmith, Get a Grip: Der 9. Song heisst Cryin‘, ist nach 3 Sekunden ein Mitnicker, das ganze Album für immer unvergesslich.

Leicht anders funktioniert die Regel bei Filmen. Werden in den ersten 38 Sekunden mehr als 9 Sätze gesprochen: Verschenkt die DVD, verlasst das Kino. Da lest ihr noch lieber Chronos.

3 Gedanken zu “Faustregel 9/38

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