Hoffen steht uns völlig offen

Hier kommt meine Sicht der Dinge
Ewiger Wirbelsturm
Hier kommt meine Sicht der Dinge
Ewiger Wirbelsturm

Was ist das kleinere Übel:
Wenn eine Selbstmordattentäterin,
die sich als Schwangere verkleidet,
es schafft, ihre ausgewählten Opfer zu töten –
oder wenn sie es nicht schafft?

Was ist das kleinere Übel:
Wenn sie Leute umbringt –
oder wenn sie umsonst stirbt?

Die Natur setzt unseren Hoffnungen keine Grenzen.

Was ist das kleinere Übel:
Wenn die Bombe eine Attrappe ist –
oder echt?

Hier kommt meine Sicht der Dinge
Ewiger Wirbelsturm
Ich hege und pflege ihn seit der Kindheit

Nun ja, mir ist es eh egal
Liebe ist alles
Ich bin bereit, unterzugehen
Damit man meine Ansichten widerlegen kann.


Der Text ist von Björk; der Song heisst Hope. Ruhig und friedlich kommt die Musik daher, man könnte sagen: provokativ friedlich. Sie lässt nicht erahnen, dass textliche Wirbelstürme wüten und Bomben explodieren werden. Wie in echt. Da ahnen es die Betroffenen meist auch nicht.

Der Text kommt und katapultiert den Song mitten ins Verderben. Man hört erstaunt hin und denkt: Ist doch klar, welches das kleinere Übel ist. Bei jeder der drei Fragen. Björk kann sie nur rhetorisch meinen. Oder ironisch, was nicht wirklich angebracht wäre.

Das dachte ich beim ersten Hören vor neun Jahren. Kürzlich habe ich das Album wieder hervorgekramt, oft beim Autofahren gehört, und da wurde mir klar: Das ist meine Sicht der Dinge. Sie leuchtet mir ein, erscheint mir logisch zu sein und einem gesunden Menschenverstand zu entsprechen.

In der Realität aber dringt in unseren friedlichen (provokativ friedlichen?) Teil der Welt immer wieder Unfrieden. Was ist es, das da kommt und uns aufrüttelt: ein ewiger Wirbelsturm des Bösen, Ungerechten, Verrückten? Etwas, das man unter dem Wort Terror verallgemeinern kann?

Björk sagt mir mit diesem Text: Es sind andere Meinungen, die mit unserer kollidieren. Andere Versionen. Andere Sichten der Dinge. Möglichst keine echten Bomben, möglichst wenige Opfer – das ist das kleinere Übel!, möchten wir aufschreien. Aber unwiderlegbar ist diese Sicht leider nicht, sie hält keiner (Natur-)wissenschaft stand.

Was bleibt, ist Hoffnung. Ihr setzt die Natur keine Grenzen.


Björk, „Hope“. Vom Album „Volta“, 2007. Frei übersetzt aus dem Englischen.
(Unbegreiflicherweise – aus meiner Sicht – schien im Internet bisher keine deutsche Übersetzung des Songtextes zu existieren, trotz seiner Aktualität.)

 

 

4 Gedanken zu “Hoffen steht uns völlig offen

  1. Vielen Dank auch dafür. Gewalttätig ist das falsche Wort für die Musik. Die Frau redet mit Geistern und Naturgewalten. Und denen sind wir Menschen eben einfach mal egal. Manchmal beobachten sie uns mit Interesse, wie Kinder Ameisen beobachten, die ein größeres Tier fressen. Und wenn sie gelangweilt sind, gehen, sie weg oder zertrampeln mutwillig den Ameisenhaufen. Und wenn die Geister uns zufällig dabei beobachten, wie wir aus blödsinnigen Gründen Attentäter aufeinanderhetzen, dann bleiben sie kurz stehen und einer nimmt vielleicht Wetten an, wieviele wohl diesmal bei draufgehen. Ein anderer kichert und der nächste zischt um Ruhe, weil er die Handlung nicht verpassen möchte.
    Mit ganz ähnlichen Wesen hat meiner Meinung auch Bong Jon-hoo für seinen Film „Snowpiercer“ geredet.
    Geigen gefallen mir gut. Aber an Wale hab ich mich noch nicht rangetraut. Ich versuch grad, einen betrunkenen Seemann zu beherrschen. Mit den irischen Elfen ist noch einigermaßen umzugehen. Die verschonen die Menschen meist vor größeren Hungersnöten, wenn man zu deren Belustigung regelmäßig betrunken aufs Maul fällt.

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    1. Der würde mich an der Gitarre in den dunkelsten aller Schatten stellen, selbst wenn er zuvor noch nie Gitarre gespielt hätte. Der weiss, was seine Finger machen, und umgekehrt. Da wirst du zwei, drei, vier Minuten üben müssen. Danach werden die Wale aber kein Problem mehr sein, die sind dann wahrscheinlich fast geschenkt.

      Gefällt 1 Person

  2. Bin jetzt nur durch Deine Anregung dazu gekommen, mal bißchen Björk zu hören. Danke erst mal dafür. Die Musik nun empfinde ich als das Gegenteil von Ruhig. Lange nicht mehr so gewalttätige Töne gehört. Oder anders: Rettungssanitäter sagten mir mal, wer schreit und Lärm schlägt, braucht meistens keine wirkliche Hilfe. Die Lebensgefahr ist da, wo Menschen friedlich und ruhig sind, am besten noch sagen: Mir geht’s ganz gut, helfen Sie erst mal den anderen.

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