Liebe Grüsse, lieber Bananenstrauss

Ihr geht einkaufen: Ihr bindet eure Schuhe und verlasst das Haus.

Kontrolliert ihr während der ersten zehn Schritte mindestens zweimal, dass der Knoten hält? Dass die Schuhbändel links und rechts gleich lang zum Knoten raushängen? Und dass kein Kaugummi an den Sohlen klebt?

Ich auch nicht. Das wäre nicht ich.

Dann steht ihr im Supermarkt: Ihr kauft Bananen und legt sie auf die Waage. Ein Preis-Aufkleber kommt raus.

Kontrolliert ihr, ob es günstiger wäre, jede Banane einzeln zu kaufen statt im Strauss? Wägt ihr das Gewicht jeder Banane und schaut, ob sich eine Rundungsdifferenz ergibt, die euch, sagen wir, fünf Rappen oder ein paar €urocent reicher machen könnte? Falls nein: Kontrolliert ihr, ob eine andere Waage im Supermarkt ein leichteres Gewicht anzeigt?

Ich auch nicht. Das wäre nicht ich.

Ihr bezahlt und verlasst den Supermarkt: Kontrolliert ihr die Kassenquittung Punkt für Punkt und vergleicht sie mit eurem Einkaufszettel? Streicht ihr auf dem Einkaufszettel und der Quittung alles tatsächlich Gekaufte durch und fragt euch, ob ihr nicht doch etwas vergessen habt? Jetzt wärt ihr gerade noch hier im Laden und müsstet nicht ein zweites Mal herkommen… Wenn ihr wenig gekauft habt: Zweifelt ihr daran, an alles gedacht zu haben? Wenn ihr viel gekauft habt: Zweifelt ihr nach der Kasse noch, ob ihr das wirklich alles braucht?

Ich auch nicht. Das wäre nicht ich.

Warum zur Hölle bin ich nicht mehr ich, sobald ich eine E-Mail verschickt habe? Schwupp, die Mail ist weg, also sofort ab in den Gesendete-Ordner: Schauen, ob sie weg ist. Schauen, was ich geschrieben habe. Ob man etwas missverstehen könnte. Ob alles drin ist. Ob jeder Satz sitzt. Ob mir die Wortwahl gefällt.

Eine Mail am Schreiben sein = völlige Kontrolle; eine Mail soeben verschickt haben = vollkommener Kontrollverlust.

Also prüfen, worüber man die Kontrolle leichtsinnig hergegeben hat: Begrüssung zu salopp? Verabschiedung zu gekünstelt? Der Text zu unpersönlich? Zu persönlich? Anbiedernd? Und dann nervt mich immer diese Verdoppelung: Liebe Susanne, blablabla, Liebe Grüsse. Liebe, Liebe. Als ob mir nichts anderes in den Sinn käme. Stört das die Susanne, oder wird sie es überlesen? Ist meine Mail so formuliert, dass man Dinge überlesen kann? Wenn ich diese Mail erhielte, würde mir etwas an der Sprache auffallen? Würde ich denken: „Der kann schreiben.“? Denkt überhaupt einer (ausser mir) beim E-Mail-Lesen darüber nach, ob der Absender schreiben kann, oder einfach schreibt, weil es er das tun muss, um Inhalt zu transportieren?

Sogar in simplen Mails will ich nicht simpel schreiben. Ich kann Sprache nicht vergewaltigen. Auch wenn es mich Zeit kostet. Ich möchte Floskeln loswerden. Denkschreiben statt gewohnheitsschreiben. Bananenstrauss statt mehrere Bananen. Und manchmal will ich sprachzaubern.

Ihr auch?

PS: Und wenn ja: Macht ihr es, bevor ihr die Mail verschickt, oder danach? Oder vorher und sinnloserweise nachher gleich nochmals, also immer doppelt, wie ich?

PPS: Ich glaube, dass mich das Nachkontrollieren von E-Mail-Formulierungen zwar ständig Zeit kostet, hier eine Minute, da einundvierzig Sekunden, dort zweiundfünfzig… Aber – dessen bin ich mir sicher – ich muss dadurch weniger präzisieren, erklären und nacherklären und hin- und her- und immer wieder zurückschreiben. Mein Anliegen kommt an und wird subito beantwortet.

Die Ausrede eines Selbsttäuschers?

 

(PPPS: Schuhbändel heisst Schuhbändel, ich kann nicht Schnürsenkel schreiben. Schnüren ist okay, aber was bitte soll ein Senkel sein?)

17 Gedanken zu “Liebe Grüsse, lieber Bananenstrauss

  1. Ich prüfe vorher, ob die Formulierungen stimmen und danach, ob es auch an die richtige Person ging. Ein „meine Kollegen sind doch alle deppert“ versehentlich an die Kollegen verschickt, könnte böse Früchte tragen :-D
    Bin also definitiv etwas kontrollfreakig. Oder vertraue mir einfach nicht? Mhh…

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    1. Ob die Formulierungen stimmen: „Meine Kollegen sind doch alle deppert“ würde diesen Test demnach bestehen?
      Über jemanden tratschen und die Person dann ins Adressfeld nehmen, das könnte tatsächlich passieren – schliesslich hat man gerade diesen Namen im Kopf.
      So wie es mir auch schon passiert ist, dass ich z. Bsp. einen Christoph angerufen habe und dann gesagt habe: „Hallo, hier ist Christoph. Ähm, nein, das bist ja du.“

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    2. Klar, wenn ich in meinem privaten Mailprogramm an meinen besten Freund schreibe „Meine Kollegen sind doch alle deppert“, würde das den Test total bestehen XD
      Aber die Mail-Adressen meiner Kollegen sind auch dort, z.B. für Krankmeldungen… :-/

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  2. Bananenstrauss ist ein herrliches Wort. Danke dafür, das will ich mir unbedingt merken. Der Gedanke, Bananen einzeln zu wiegen, kam mir bisher noch nie, jetzt werde ich aber sicher die nächsten Wochen im Supermarkt immer verstohlen gucken, ob das jemand tut. Sie nach dem Wiegen vom Einkaufszettel zu streichen ist mir dagegen ein dringendes Bedürfnis.
    Aber E-Mails nach dem Versenden kontrollieren? Nur wenn unser Server mal wieder zickt, meine Tippfehler will ich lieber gar nicht sehen.

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  3. Ich prüfe E-Mails und Briefe vor dem Versenden. Und muss nach dem Versenden manchmal feststellen, dass mir doch ein Vertipperer oder Grammatikfehler oder eine Wortwiederholung – zu so was neige ich ;-) – durch die Lappen gegangen ist…
    Das mit dem Bananenkauf ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Aber ich werde das demnächst mal an einem Nachmittag, wenn im Supermärktchen nicht viel los ist, und die Waage frei, gewiss ausprobieren. :-)

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  4. Die Krux beim Veröffentlichen meiner Blogbeiträge ist, dass ich mir NACHHER – IMMER – NOCH Gedanken um meinen kürzlich veröffentlichten Text mache. Ich hätte dieses Wort doch anders formulieren können, warum ist mir ausgerechnet das andere Wort nicht eingefallen… aber mit einem Seufzer weiß ich, dass der nächste Beitrag kommen wird und ich lasse diesen Text stehen.

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  5. Ja, kenn ich. Ich mach das vor dem Versenden. Nach dem Versenden der Mail trau ich mich nicht mehr draufzuschauen. Wie bei Prüfungen: Fehler nach Abgabe zu entdecken, ist peinlich, frustrierend. Zu spät. Da lass ich erstmal das Gegenüber entscheiden und reagiere dann.

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  6. Was ist ein Senkel?
    http://www.swr.de/swr1/rp/programm/auf-den-senkel-gehen/-/id=446640/did=14556958/nid=446640/77sri7/
    Von daher trifft es das Schuhbändel besser, es sei denn, man nimmt das arme Jungvolk, welches bei Schuhgröße 36 noch nicht fähig ist, eine Schleife zu binden, da braucht es dann den Klettgürtel, welcher aber wiederum nicht schnürt, oder wenn dann lediglich die Blutzufuhr stoppt. Schwierig.
    Anders aufgerollt könnte es natürlich sein, dass in früheren Zeiten, als man des Bindens noch mächtig war, die Bänder zur Verstärkung der Bodenhaftung der einfachen Lederschuhe in Zinn oder Blei getaucht wurden, was dann wiederum das „Auf-den-Senkel-gehen“ als unangenehme zu große körperliche Nähe zu einem Mitmenschen erklären würde.
    Da bleibt doch gar keine Zeit mehr zum Nachkontrollieren – gesagt ist gesagt und wird nicht vertagt…

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  7. ganz ehrlich ? … ich kontrolliere meinen text während des schreibens , danach ist der weg mit aller konsequenz …. die kleinschreibung vereinfacht vieles doch die wortwahl ist die gleiche wie bei einer unterhaltung ,da versuche ich mich ja auch immer gewählt auszudrücken …. ich habe auch früher schon aufsätze , prüfbogen etc. nicht nochmal “ quer“ gelesen , das kann nur schief gehen ….

    schönen tag wünscht die wolfskatze :-)

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  8. Ein interessanter Beitrag:-) Ich bin in vielen Dingen auch echt entspannt, aber beim Schreiben bin ich auch immer sehr eigen. Selbst wenn ich ne kurze Nachricht per whatsapp verschicke, versuche ich es so zu formulieren, dass es stimmig für mich ist. Ich denke nicht, dass es den Leser der Nachricht wirklich interessiert wie viele Gedanken ich mir im Vorfeld bezüglich der Wortwahl etc. gemacht habe, aber mir ist das wichtig, also nehme ich mir auch gerne für sowas Zeit. Selbst wenn ich auch mal fünf Minuten für drei Sätze brauche:-)

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