Der Kurt-Kevin-Sören-Stefan-Daniel-Susanne

Ein paar Barbaren im Südosten schneiden einigen Westlern die Köpfe ab, stellen davon Videos ins Netz. Zehntausende Westler sehen das, packen ihren Rucksack und ziehen in den heiligen Krieg. Gegen den Westen, ihre Heimat. So einfach gewinnt man eine ganze Armee von Unterstützern.

Seien wir ehrlich: So einfach funktioniert sie nicht, die Anziehungskraft des IS. Aber wie dann? Und wie könnte der Westen sie schwächen?

Einen interessanten Erklärungsansatz hat Philippe-Joseph Salazar, französischer Philosoph und Rhetorik-Professor: Der IS sei dem Westen vor allem rhetorisch überlegen. Er gewinne die Unterstützung Tausender, weil er die richtigen Worte verwende, die richtigen Sätze, Texte und Reden. Und der Westen? Der sei momentan unfähig, sich auf der rhetorischen Ebene zu wehren. Uns fehlten überzeugende Worte für das, was geschehe. Es werde nur unzulänglich benannt, was falsch laufe. Zu beweisen versucht dies Salazar anhand seiner Sprache, des Französischen.

Es beginne im Kleinen: Freiwillig sage und schreibe man Allah statt Dieu (Gott). Das religiöse Gesetz des Islam, die Scharia, buchstabiere man – im Französischen – nicht konsequent charia sondern vermehrt charî’a. Eine unnötige Arabisierung, findet Salazar. Genau wie die Übernahme von al-Qaida, wo man doch die Kombination qa auf Französisch eigentlich gar nicht aussprechen könne; man müsste al-Quaïda schreiben. Bei den eigenen sprachlichen Regeln zu bleiben, wäre laut dem Autor ein erster Schritt.

Weitaus schlimmer gemäss Salazar: Frankreich sei sich bis heute nicht einig – geschweige denn der gesamte Westen -, ob man die feindliche Gruppierung Isis, Isil, IS, EI, EIIL, Daesh, Daech oder Daëch nennen solle. Und: Man versuche Islamischer Staat zu vermeiden, um die aus westlicher Sicht „richtige Auslegung“ des Islam, den „normalen“, „gemässigten“ Islam, nicht in Verruf zu bringen. Islamistischer Staat sage man aber auch nicht. Rhetorikprofessor Salazar fragt, natürlich rhetorisch: Wie soll man sich auf einen Gegner einschwören, den man nicht einmal klar benennen kann?

Diese Argumentation kann ich nachvollziehen. Nehmen wir an, es gäbe einen Menschen, der Kurt Kevin Sören Stefan Daniel Susanne heisst. Der vielleicht nicht der einfachste ist, also ein Problem darstellt, das die Regierungen diskutieren müssen. Von Vorteil wäre nun, alle würden sich auf Kurt einigen. Oder auf Sören. Oder halt auf KKSSDS. Aber nein, Deutschland besteht auf Kurt, Frankreich spricht von Daniel, Italien sagt Stefano, die Skandinavier Sören und Søren, die USA Kevin-Steven und die Schweiz hält sich raus. Man kann sich die Gespräche etwa vorstellen. Also zurück zu Salazar, denn seine weiteren Ideen sind etwas komplexer:

Unpräzise findet er das Wort Terrorist. Für ihn (hier ist er mehr Politiker als Philosoph) befindet sich Frankreich im Krieg gegen den IS. Dies habe Präsident François Hollande ausdrücklich gesagt. Für Salazar müsste dann aber konsequenterweise die gesamte Rhetorik der Regierung zu Kriegsrhetorik werden. Wer von Krieg spreche, müsse die Gegner Soldaten und Partisanen nennen. Und weiter: Wer für den IS in den Krieg ziehe, sei nicht ein Unterstützer einer terroristischen Organisation, sondern ein Verräter. Dafür gäbe es dann auch deutlich höhere Haftstrafen. Schluss mit rhetorischen Deckmänteln, fordert der Autor.

Wie diese konsequente Umstellung auf Kriegsrhetorik das Verhalten des Westens in diesem Konflikt beeinflussen könnte, ja ob es gar eine unnötige weitere Eskalation auslösen könnte, darüber schweigt sich Salazar aus. Dieses Szenario denkt er nicht zu Ende – er scheint darauf zu vertrauen, dass man im Feld des Gegners Verwirrung stiften würde und moralisch wieder auf Augenhöhe agieren könnte, sobald man in der eigenen Sprache benenne, was Tatsache sei.

Den IS nennt Salazar in seinem Buch übrigens durchgehend das Kalifat. Dies sei im Französischen und anderen europäischen Sprachen ein gebräuchlicher Begriff. Er stehe für eine islamische Staatsform, in der die weltliche und geistliche Führung bei derselben Person, dem Kalifen, liege. Das und nichts anderes sei der IS: ein Kalifat unter Kalif Ibrahim, wie sich Abu Bakr al-Baghdadi seit der Ausrufung ebendieses Kalifats im Sommer 2014 nenne.

Seien wir abermals ehrlich: Eine rhetorische Neuorientierung allein dürfte nicht verhindern, dass sich tausende Westler dem IS als freiwillige Kämpfer anschliessen, seien diese nun in unserem Wortgebrauch Terroristen oder Soldaten oder Unterstützer des Kalifats. Das weiss auch Salazar, und er analysiert über viele Seiten die (seiner Meinung nach entscheidende) „Ästhetik“ der IS-Propaganda in den frei zugänglichen, pompösen Rekrutierungsvideos und Hochglanzmagazinen, die in westlichen Sprachen erscheinen. Dort müsse man ansetzen. Die „Ästhetik“ dieser Produkte anerkennen. Und sie entlarven:

Wie soll man darauf reagieren? Indem man das Phänomen banalisiert: Man sollte die Zeitschriften an den Schulen herumgehen lassen, die Texte kommentieren und radikal dekonstruieren, man sollte die Videos zeigen und sie mit allem, was die westliche Filmkritik aufzubieten hat, analysieren, kurz, das ganze Material mit Hilfe von Beweisen und sprachlichen Argumenten auf ein kümmerliches Mass zurechtstutzen und also das tun, was die rationale Kultur der Aufklärung auszeichnet: klar und deutlich denken.

Zum klaren Denken gehöre auch, schreibt Salazar, sich keine falschen Vorstellungen von den Akteuren zu machen. Westliche IS-Kämpfer seien keine geltungssüchtigen Idioten – im Gegenteil:

Liest man (…) die Biographien der Jugendlichen, die beschlossen haben, sich (…) dem Kalifat anzuschliessen (…), dann stellt man fest, dass sie ihre Entscheidung nach persönlichen und oft eingehenden Recherchen trafen. Sie informieren sich. Lesen. Lernen. Sie bilden sich eine Meinung über den Zustand, in dem sich die Welt befindet.

Das Bild von der beeinflussbaren, randständigen Jugend, die sich verführen lässt, sei eine bequeme Erklärung. Einfache Rhetorik. Aber am Ende nutzlos. Sie gehe nicht auf die Argumente des Kalifats und seiner Vertreter ein. So unverständlich diese Argumente für uns seien, schreibt Salazar, man müsse sie doch verstehen wollen und fein säuberlich widerlegen. Wort für Wort.

Und dies dann gegenüber den Führern des Kalifats in die Waagschale werfen:

Sollte es zu Verhandlungen kommen, wird man sich eingestehen müssen, dass es nicht reicht, einfach nur Diplomaten zu entsenden, die Arabisch sprechen. Man wird islamisch denken, sprechen und argumentieren und sich rhetorisch auf Augenhöhe mit dem Gegner begeben müssen.

Dazu müsse man sich mit dem Koran befassen, und zwar detailliert. Mit der Oberflächlichkeit sei es definitiv vorbei, warnt Salazar. Es reiche nicht, eine wörtliche Auslegung des Korans als falsch und eine diskussionsoffene Auslegung als richtig anzusehen. Mit dieser Verallgemeinerung könne man niemanden überzeugen, schon gar nicht umüberzeugen. Statt pauschal müsse man gründlich argumentieren:

Wer die „wörtliche Lesart“ (…) ablehnt und das Konzept eines humanistischen Korans vertritt, müsste uns eine eigene auf Analogien beruhende Interpretation der Suren oder Hadithen vorlegen; er müsste uns auch erklären, wie die Soldaten des Kalifats angesichts dieser Texte ihre eigene Interpretation rechtfertigen, aufgrund derer sie enthaupten, steinigen, kreuzigen und Krieg gegen die ganze Welt führen, und inwiefern sie sich zum Beispiel von der Interpretation unterscheidet, mit der in Saudi-Arabien – immerhin ein verbündetes Land – Auspeitschungen, Verstümmelungen, Steinigungen und Enthauptungen gerechtfertigt werden.

Viel Arbeit ist das. Und Salazar macht deutlich, wen er in der Pflicht sieht: Die Politik.

Philippe-Joseph Salazar, Die Sprache des Terrors – Warum wir die Propaganda des IS verstehen müssen, um ihn bekämpfen zu können, 197 Seiten, Pantheon-Verlag, 2016.

 

5 Gedanken zu “Der Kurt-Kevin-Sören-Stefan-Daniel-Susanne

  1. Das klingt alles ziemlich klug und einleuchtend, wie es hier referiert wird. Sie brachten uns schließlich mal bei, Amerika hätte Vietnam unter anderem deshalb verloren, weil es sich selbst belog und sich weigerte, das ganze „Krieg“ zu nennen. Unehrlichkeit ist also eine anerkannte machtpolitische Schwäche. Gleichzeitig schön unseren derzeitigen Identitätskonflikt auf den Punkt gebracht. Die Bärtigen erwischen den „Westen“ ja wirklich grade mit runtergelassenen Hosen, weil er sich beim Morgenschiß nach Verdauung des Weltmarktes doch grad noch mal in Ruhe überlegen wollte, wie wichtig denn Bündnisse wie NATO oder EU denn nun wirklich sind.
    Gern gelesen und herzlichen Dank für die Vorstellung dieses interessanten Herrn Salazar.

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    1. Bündnisse infrage zu stellen ist das eine. Keine Gegenpropaganda auf Lager zu haben, das andere. Salazar verlangt diese nachdrücklich:

      „Gegen den freiwilligen Idealismus unserer jungen Dschihadisten bieten wir nur den Dialog und die Psychologie auf, aber keine aufrüttelnden alternativen Werte. … man kann auf den Appell des Kalifats nur dann mit einem entsprechenden, ebenso mächtigen Appell reagieren, wenn ihm Werte vorausgehen und folgen.“

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    2. Und die Werte kann doch nur setzen, argumentieren und propagieren, wer weiß was er ist und was – und mit wem – er sein will. Und EU und NATO beraten doch meines Wissens grade, ob sie ein einstimmiger Fußballfanchor mit Primitivbotschaft sein wollen oder ein klassisches großes Orchester wo die Hälfte nicht hingeht, weils zu schwer ist und die andere Hälfte nicht übt und während der Proben lieber Schwätzchen hält. Und die wichtigste Frage wird meines Erachtens unter den Tisch gekehrt: Wollen wir die Bärtiggen überhaupt besiegen oder wollen wir nur, daß die aufhören, geschmacklose Enthauptungsvideos zu Posten und ihr Öl zu Dumpingpreisen zu verkaufen? Wenn die stattdessen beim Petrodollar mitmachten und ihre Burkaträgerinnen die Portokasse in Münchner Juwelierläden verballern ließen, wie die netten Bärtigen, dann wär die Welt doch auch wieder in Ordnung.

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