Brutal gut mit Wein

Dass ich mich brutal gut mit Wein auskenne, kommt mir immer mal wieder gelegen. Da sitze ich mit Freunden an der Bar, und die Freunde fragen: Rotwein? Und ich, weil ich Rotwein brutal gut kenne, frage: Was für welchen? Und meine Freunde sagen: Sag einfach ja oder nein. Und ich sage: Wenn ihr mir so kommt, dann ein Mineralwasser.

Wein verbindet, das ist das Schöne daran. Dass ich mich brutalst gut mit Wein auskenne, verleiht mir Social Skills und boostert mein Selbstwertgefühl. Prostet mir mein Gegenüber zu und sagt: Mmh, der ist gut!, dann repliziere ich selbstbewusst: Der ist tatsächlich ganz okay, schönes Terroir, passable Länge, mich begeistert dieser mutige Charakter der Weine aus dem Languedoc.

Ganz besonders dem östlichen Languedoc.

Ein brutaler Weinkenner zu sein, ist von Vorteil, wenn man in eine peinliche Situation gerät. Wenn ich einen sexistischen Witz reisse und mein weibliches Gegenüber den Kopf schüttelt und sagt: Dein Spruch war billig und primitiv!, dann weiss ich zu entgegnen: Nicht so billig wie der Primitivo, den du bestellt hast! Und dann schüttle ich den Kopf, angewidert.

Im Idealfall lachen dann beide. Es tut gut, Angriffe so locker abzuwehren.

Dass ich mich brutal gut mit Wein auskenne, ist gelogen. Ich habe genau so wenig Ahnung von Wein wie alle anderen. Es gibt tausende Rebsorten, zehntausende Anbauregionen, hunderttausende Hersteller, Millionen Produkte. Zu multiplizieren mit der Anzahl Jahrgänge.

Bei manchen selbsternannten Weinkennern reicht das bruchstückhafte Wissen etwas weiter als bei anderen, gewiss. Es gibt auch Musikkennerinnen, die mehr Bands, mehr Songs, mehr Hintergründe und Zusammenhänge nennen können. Aber kennt jemand auch nur 0,1 Promille aller Musik auf Erden?

Nö, niemand. Und so, ganz genau so, ist es beim Wein. Du kennst respektable hundertfünfzig Weinproduzenten allein in Frankreich? Chapeau, alle Achtung. Bloss, es gibt dort hundertfünfzigtausend.

Dass ich mich dennoch brutal gut schlage in jedem Weinkennerschlagabtausch, verdanke ich dem Geheimtipp, den mir João in Portugal verraten hat. (Wer kennt auch nur 0,1 Promille aller Menschen namens João? Siehste.)

João servierte einen beliebigen Rotwein aus Südportugal, der bestens schmeckte. Nach Brombeeren? Schokolade, Leder, Heu? Nach komplexen, adstringierenden Tanninen? Das ist João phänomenal egal.

Trink einfach einen Wein aus der Region Alentejo, empfiehlt João, der Wein von dort unten schmeckt immer. Das Etikett sei einerlei. Der Wein könne in der Flasche oder im Fünfliterkarton oder im Plastikbeutel daherkommen… Wenn Alentejo draufstehe, seien diese Trauben aus idealer Erde empor- und der idealen Sonneneinstrahlung entgegengeschossen; da könne kein Weinbauer irgendetwas falsch machen.

João hat mein Weinwissen auf das nächste, brutal hohe Level gehievt. Ab jetzt gilt: Schenkt mir ein, was euch beliebt, meine weinkennerische Bemerkung wird lauten:

An dem Wein hier ist per se nichts falsch, man wird auch hiermit anstossen können. Doch ich will ehrlich sein, insgeheim hatte ich auf einen schönen Tropfen aus dem Alentejo gehofft…

Trotz Brille keine 0,1 Promille.

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