Zwei Stunden, sechsundfünfzig Minuten

Eines meiner Top-3-Probleme (was für ein bescheuerter Ausdruck: Top 3), also ein wirklich grosses Problem für mich, ist, dass ich nicht nichts tun kann. Unmöglich. Nicht einmal für die Dauer von, sagen wir, drei Stunden. Einfach daliegen und beispielsweise atmen, ich versuche das manchmal, es gelingt mir nicht. Nicht lange. Es müssten ja nicht genau drei Stunden sein. Mit zwei Stunden, sechsundfünfzig Minuten wäre ich zufrieden. Dann würde ich sagen, gut, ich muss zwar jetzt aufgeben, aber ich bin trotzdem stolz auf mich. Ich hätte etwas, auf dem ich aufbauen könnte.

Dieses Ziel vor Augen, habe ich eine Hörbuch-CD in meinen Discman gelegt (den habe ich vor neun Jahren in Japan gekauft, als es in Europa nur noch Discmen/Discmans/Discmänner gab, die von ihren Herstellerfirmen dafür gelobt wurden, dass sie CD-R, CD-RW, MP3 konnten, LCD-Displays mit CD-Text und Batteriestatus hatten und deswegen Unmengen kosten durften, während der iPod Shuffle gerade ziemlich im Trend lag, obwohl weil er das alles nicht hatte. Die Discmännerhersteller begriffen das nicht, ausser die in Japan, mein Discman von Panasonic hat bei Bic Camera (ビックカメラ, Werbesong: „Biggu biggu biggu Bic Camera!“) läppische 6000 Yen gekostet und er kann, was ein Discman können muss, er bringt gewöhnliche CDs zum Klingen. Wenn er das tut, dann schaffe ich es manchmal, einige Minuten nur zuzuhören. Übrigens habe ich auch ein Fahrrad von Panasonic, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden, und dieser Satz ist von Michael Ende geklaut, von der Unendlichen Geschichte, die ich als viellesender Sechstklässler abgöttisch liebte. Zurück zu meinem Discman. Er kann nur CD, aber immerhin auch Hörbuch-CD).

Das Hörbuch, das ich für meine Nichtstun-Zielerreichung ausgewählt habe, ist eine Hörfassung von…  ja, wovon eigentlich? Findet Dorie ist kein Buch. Es ist ein Film. Ein Drehbuch gibt es davon ganz sicher, aber ein Drehbuch vorzulesen wäre vermutlich nur so mittelspannend. Ich habe noch nie ein Drehbuch gelesen, aber ich stelle mir das recht technisch vor:

Saloon, Dämmerlicht. / John, off screen: Es sind nicht alle Gangster so, so und nochmals so. / Jim (mit Hut, schnippt Zigarette mit Daumen und Zeigefinger weg): Und wie die alle so, so und nochmals so sind! / (Geht rüber zur Bar, Schritttempo: 2-3) / Jim (Fortsetzung): Allen voran der da hinten. / Kameraschwenk nach links zu Jack. / Jack, Nahaufnahme: Was wollt ihr denn? / Schwenk nach rechts zu Jim. / Schnitt zu John, Halbnahaufnahme: (Schulterzucken, Schweigen).

Also gut, ein Hörbuch zu einem Film, dachte ich, und war gespannt. Nun ist Findet Dorie (ich habe ihn schon gesehen, im Juni, auf Französisch, Le monde de Dory, und amüsiere mich gerade köstlich über die momentane Werbegrossoffensive hier auf der deutschen Seite der Schweizer Sprachgrenze. Vor drei Monaten gab es den gleichen Plastik- und Plüschkram in den Supermärkten ein paar Dörfer weiter. Plötzlich ist Dorie auch hier unglaublich neu, dabei hat wohl einfach die Übersetzung und Synchronsprecherei auf Deutsch ewig gedauert, oder man fürchtete sich vor kinofeindlichem Sommerwetter) als Film ziemlich melancholisch geraten, gar über weite Strecken traurig, wie ich finde. Ein Fischmädchen mit demenzhaftem Gedächtnis (erinnert sich an wenig, findet den Nachhauseweg nicht, vergisst irgendwann sogar, wen es sucht, nämlich seine Eltern, merkt nur, dass irgendetwas nicht stimmt, dass irgendetwas unaufhörlich in ihm nagt) irrt durch den Ozean und findet – weil es trotz wegen seiner Vergesslichkeit sehr mutig ist, und schlaue Freunde findet, und weil es unglaubliches Glück hat, und weil die Drehbuchschreiber jeden erdenklichen Zufall gelten lassen – irgendwann seine Eltern wieder. Diese Szene ist rührend. Und entschädigt ein wenig dafür, dass Dories heitere Vergesslichkeit aus Findet Nemo hier gar nicht mehr heiter ist, sondern ein Leiden, an dem ich als Zuschauer fast verzweifelt bin. Meine Tochter, vierjährig, liebt seit unserem Kinobesuch Dorie-Fanartikel, ich glaube, sie fand den Film nicht so traurig wie ich; aber lustig fand auch sie nur den Hai, der ständig gegen die Wand des viel zu kleinen Aquariums knallt. Schadenfreude.

Der Film funktioniert trotz seiner traurigen Szenen 97 Minuten, weil er bunt ist, kreativ animiert, oft schnell, manchmal laut. Er funktioniert, weil er ein Film ist.

Nun aber definitiv zum Hörbuch. Die Sprecherin ist super: Rubina Nath (sie sprach 2003 im Nemo-Film die Figur Destiny, das war einer der Haie). Allen Fischen gibt sie lustige Hörbuch-Stimmen, nicht nur Dorie, sondern auch Nemo, dessen Papa und so weiter. Wirklich gelungen.

Ansonsten finde ich das Hörbuch (ich habe das Urteil lange herausgezögert, weil es mir irgendwie wehtut): traurig und deprimierend wie den Film. Bunt ist es nicht, wie soll es auch. Zwischendurch, in manchen Passagen, wurde es lustig. Auf solche Momente wartete ich. Immer wieder, recht lange. Das Hörbuch, auf zwei CDs aufgeteilt, dauert zwei Stunden, sechsundfünfzig Minuten. Zwei Stunden, sechsundfünfzig Minuten einfach daliegen, atmen und Dorie hören. Ich habe es versucht.

Findet Dorie. Der Hörverlag, 2016. Gelesen von Rubina Nath, empfohlen ab 5 Jahren.

 

 

 

7 Gedanken zu “Zwei Stunden, sechsundfünfzig Minuten

    1. Die mir bekannten Mittel wirken bei mir nur so mittel.

      Ich versuch’s mal noch eine Weile mit Hörbüchern und hoffe, das zählt als Nichtstun.

      Ich albträume manchmal, dass ich im Nachhinein des Tuns überführt werden könnte. „Schon wieder so ein billiger Hörbuchsünder, tsts… So ist es natürlich einfach.“

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    2. Du sprichst es an: wir Europäer können einfach nicht nichts tun. Weil wir von Klein auf in den Kategorien Leistung, Planung, Sünde, Versagen erzogen sind. Am ehesten könnten wir uns dem nähern mit der Einstellung: ich schaff das in diesem Leben sowieso nicht. Wer unbedingt am Planerfüllungsgedanken festhalten will, könnte vielleicht versuchen, n halbes Jahr in Bangkok zu arbeiten. Täglich 2 bis 7 Stunden Staustehen bei 35 Grad versprechen Gelassenheitstraining mit dem Holzhammer. Aber Trickfilme sind schon mal ein guter Schritt in die richtige Richtung. Auch als bildungsbürgerliches Hörbuch.

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    3. Vergiß was ich sagre. Schießsport ist die Lösung! Als anständiger Schweizer haste doch bestimmt noch n Stück Langstahl aus dem Hause SIG zu stehen. Ein guter Trainer gab mir mal den schwierigen Rat: Nie das Ergebnis zählen. Weder im Training noch im Wettbewerb.

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    4. Ein SIG-550, um genau zu sein. Und die Punkte werden seit einigen Jahren automatisch gezählt, man müsste gefährlich kurzsichtig sein, um sie auf dem Bildschirm nicht zu sehen.
      Das schlimmere Problem ist aber: In sieben Minuten ist so eine Serie fertig, dann heisst es: Aufstehen, der hinter dir will auch mal…

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    5. Das klingt ja na bundesrepublikanischer Hektik und drängeln auf der Autobahn. In Berlin kann ich den Stand stundenweise mieten. Und nach der familiären Zwangsdemilitarisierung ist immerhin noch ein alter K31 übrig geblieben. Noch anständig 7,5 mm, kein Kleinkaliber-Bleiföhn.

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