So extrem lang, so extrem finster

Hauptbahnhof Bern. Eine Seniorin und ein Senior (sie kennen sich, sind aber per Sie) setzen sich im Zug neben mich. Sie beginnen ein Gespräch. Ich halte mich raus, das Mobiltelefon in der Hand. Nach ein paar Sätzen schon merke ich: Ich muss das protokollieren. Die beiden diskutieren, ich tippe.

Sie: Das habe ich lange nicht mehr erlebt, dass die S5 so viel Verspätung hat. Lange nicht mehr.

Er: Ja, das ist verrückt. Acht Minuten. Ich bin es gewohnt, dass die einen informieren. Dass die wenigstens etwas sagen. Am Lautsprecher, damit man es weiss. Und den Grund.

Sie: Ich finde auch. Aber heute habe ich wirklich nichts gehört.

Er: Nein. Wegen der S6 haben sie etwas gesagt, wegen der S5 nicht.

Sie: Unverständlich. Wegen der S6 schon, wegen unserer nicht. Wenn sie es gesagt hätten, wüssten wir es.

Er: Stimmt, da haben Sie recht.

Sie: Aber wir haben eines der besten Bahnnetze der Welt, das muss man schon sagen!

Er: Ja, das denke ich auch immer!

Sie: Fahren Sie viel Zug?

Er: Hier nicht so viel, aber ins Tessin, nach Biasca.

Sie: Oh, dort ist es schön. Wo wohnen Sie jetzt eigentlich?

Er: Dort, wo der Doktor B. seine Praxis hatte, in dem Haus.

Sie: Oh, ich weiss, wo das ist. Dann haben Sie aber einen schönen, grossen Garten!

Er: Ja, man muss schauen, dass es einem nicht zu viel wird.

Sie: Das glaube ich Ihnen. So ein Haus und so ein grosser Garten. Das kann einem zu viel werden.

Er: Das wird einem schnell zu viel.

Sie: Das stimmt. Aber wissen Sie, wir jammern auf hohem Niveau, denke ich manchmal. Aber dann sehe ich wieder, was wir sonst für Probleme haben. Jetzt auch mit den Flüchtlingen.

Er: Oh ja, das ist wahr, das glaubt man fast nicht, das kommt ja überall.

Sie: Ich höre mir gerne Gespräche an über dieses Thema. Die Leute sagen dort immer, man sollte doch, man müsste doch. Die möchte ich immer fragen: Gut, aber was macht ihr denn konkret, ihr selber?

Er: Ja, das müsste man die mal fragen.

Sie: Wenn man die Kinder sieht, dann verreisst es einen. Die sind so klein und sehen nur Elend. Dann kommen sie hierher, man verspricht ihnen alles, und dann bekommen sie das nicht, sie erhalten kein Haus und nichts. Dann kommt der Frust. Das macht mir Angst, denn dann knallt’s. Weil der Frust kommt.

Er: Wir sind uns gewohnt, Ordnung zu halten, wir haben dafür ein gewisses Gefühl.

Sie: Und im Gegensatz zu ihnen haben wir in der Schweiz ein System, wo einer eben nicht alles kann. Kein Minister kann alles.

Er: Das ist schon ein gutes System.

Sie: Was mich bei Abstimmungen stört, ist, dass es manchmal kompliziert formuliert ist, und das sogenannte Volk müsste dann etwas entscheiden. Und dann heisst es, wenn man das nicht annimmt, passiert das und das, zum Beispiel mit den Nahrungsmitteln. Dabei hat das mit dem Leben gar nichts mehr zu tun.

Er: Es ist zu kompliziert formuliert.

Sie: Das macht einen richtig abstimmungsmüde. Man ist ja dann auch nicht zufrieden, wenn man dies und das entscheiden muss, und dabei ist es so formuliert.

Er: Es gibt nur eine einzige Möglichkeit. Man muss in eine Partei, dann muss man an die Parteiversammlung gehen, und dort den Leuten zuhören, die etwas davon verstehen.

Sie: Für so etwas bin ich dann wieder zu kritisch.

Er: Man muss ja dann nicht das abstimmen, was die einem sagen.

Sie: Dass man in einer Demokratie etwas zu allem sagen kann, jeder einzelne von uns Bürgern, das ist aber schon etwas sagenhaft Gutes.

Er: Auch beim Gotthard-Tunnel kann man verschiedener Meinung sein, ob man den neu bauen sollte.

Sie: Klar, das kann man.

Er: Aber ob uns da einfach die Baulobby das eingetrichtert hat, das weiss man dann halt nicht.

Sie: Also im Moment weiss ich einfach, das ist furchtbar, jetzt durch den Gotthard zu fahren. Der ist so extrem lang und so extrem finster, das ist ungeheuerlich.

Er: Und wenn man sich nicht einig ist über so etwas, dann muss man eben eine Lösung finden in einer Demokratie.

Sie: Reden, diskutieren, Kompromisse schliessen. Ich bin genau dieser Meinung.

Er: Ich glaube, reden, diskutieren und Kompromisse sind das Wichtigste. Gerade auch bei dem Problem, über das wir vorhin geredet haben.

Sie: Es wird sicher gut geschaut, dass nicht zu viele Leute aufgenommen werden. Wir haben eine gute Regierung.

Er: Das haben wir. Eben wegen den Kompromissen.

Sie: Ich sage mir einfach immer: Wenn wir unserer Regierung nicht vertrauen, wer soll ihr dann vertrauen?

Er: Das hat was.

Sie: Was würden die Pflegeheime tun ohne Ausländer? Und das sind tüchtige Leute, aufgestellte, anständige Leute.

Er: Man hört immer, dass es die braucht. Aber niemand überlegt: Da braucht auch wieder jeder von denen ein Haus, und es braucht mehr Züge, weil von Genf bis Romanshorn fahren die alle im Zug. Das überlegt man sich zu wenig.

Sie: Es sind riesige Probleme. Die sind nicht zu bewältigen. Man darf gar nicht daran denken.

Er: Es ist ein Problem, da haben Sie recht.

Sie: Man darf gar nicht daran denken.

 

3 Gedanken zu “So extrem lang, so extrem finster

  1. Wer weiß, ob es bei uns in D diesen mittlerweile ganz offensichtlichen Rechtsruck geben würde, hätten wir Volksabstimmungen bzw. eine viel direktere Demokratie wie ihr Schweizer. ;-)
    Was die Unterhaltung der beiden Senioren anbelangt – ich weiß nicht, ob ich schmunzeln oder weinen soll…

    Gefällt 1 Person

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