Xiuhtezcatl: ungerührt, möglicherweise geschüttelt

Heute wollte ich James Bond schauen gehen und dann hier darüber ablästern.

Aber ich habe nachgedacht und festgestellt: Das wäre armselig.

Einen Mittwochabend damit zu verbringen, James Bond schauen zu gehen.

Also stattdessen nachgeschaut, welche aktuellen Filme es gibt, für die es sich einen Mittwochfeierabend einzusetzen lohnt, und deren Handlung vielleicht – als Bonus, als Zusatzleistung – mit der realen Welt zu tun hat.

Festgestellt: Es gibt solche Filme. Wenige.

Oder genauer: Es gibt Trailer, die solche Filme anpreisen.

Was es nicht gibt, aktuell in Bern, sind Kinos, die solche Filme zeigen, während Menschen Freizeit haben.

Ab fünf Uhr nachmittags läuft für den Rest des Tages James Bond. Ausser, es ist Samstag oder Sonntag. Dann läuft den ganzen Tag James Bond.

Ich kann vor fünf Uhr nachmittags nicht ins Kino. Ich bin nicht Greta Thunberg. Vor fünf Uhr nachmittags muss ich arbeiten.

Es gibt vermutlich Leute, die genug haben von James Bond.

Es gibt ganz sicher Leute, die genug haben von Greta Thunberg.

Welche wären, wenn es drauf ankäme, in der Überzahl?

Man könnte an einem Mittwochfeierabend mangels Nicht-James-Bond-Kinofilmen die Kommentarspalten von Nau.ch lesen. Da wohnt die Gretadebatte:

„Hatte auch mal nen Autisten als Kollegen, das war extrem unangenehm.“

Versus:

„Sie ist Volljährigkeit, was ist das Problem?“

Wer genug hat von Greta Thunberg und von James Bond, aber nicht genug von teuren Autos und neuen Handys, der schaut vielleicht trotzdem James Bond (und hatte heute in der Stadt Bern 39 Möglichkeiten dazu).

Wer genug hat von Greta Thunberg, aber nicht genug von Finger-aus-dem-Arsch, nicht genug von, nun ja, Hoffnung, für den gibt es Melati Wijsen. Für den gibt es auch Mary Finn, Memory Banda, Mohamad Al Jounde. Es gibt Rene Silva und Xiuhtezcatl Martinez. Die verbringen ihre Freizeit nicht im Kino und nicht mit Turnschuhekaufen. Dazu gleich mehr.

In einem Kinoartikel im Internet (es war nicht auf Nau.ch) las ich, niemand würde – weil niemand so doof sei – einen neuen Film im gleichen Monat veröffentlichen wie James Bond.

Wer es doch tut, braucht Selbstvertrauen. Selbstvertrauen, das grösser ist, als es die meisten von uns haben. Das Selbstvertrauen einer Greta Thunberg.

Bigger Than Us heisst ein Film, dessen Macherin, Flore Vasseur, sich getraut hat, es zu tun: sich für ihre Filmpremiere mitten ins James-Bond-Sturmauge zu stellen. Und darin treten sie eben auf, Melati, Mary, Memory, Mohamad, Rene und Xiuhtezcatl. Es scheint, als machten sie die Welt ein Stück besser, und das – so viel weiss ich, ohne den Film gesehen zu haben, er läuft ja nirgends – ohne Aston Martin. Sie machen in Libanon, Malawi, Griechenland, Colorado, Brasilien, Uganda einfach ihr Gutmenschending – ihr gutes, menschliches Ding –, ungerührt von Kommentarschreibern, ungerührt vor allem von der Realität, der sie herzhaft begegnen, einer Realität, die wir aus der Ferne kennen und uns, wären wir näher dran, kräftig durchschütteln würde.

James Bond ist der beste Film, der den Liebhabern von Filmen wie Bigger Than Us (oder Gaza Mon Amour, übrigens) passieren konnte, weil Bond den Kinos Geld einbringt, hoffentlich viel Geld, dass sie gebrauchen können, um ihre Schulden, Darlehen, Kredite abzubezahlen, ihr Überleben zu sichern, und sich dann, hoffentlich um einige schwere Insolvenzsorgen leichter, ihrer Programmplanung, sprich, wieder jenen Filmen widmen zu können, die den Mut haben, zu erscheinen.

Aber vorerst stürmt es. Nau.ch hat es auf den Punkt gebracht mit einer Leser-Abstimmung:

„Haben Sie den neuen James Bond gesehen?“

Antwortmöglichkeit A: Ja.

Antwortmöglichkeit B: Nein, noch nicht.

______________

PS. Leute, die genug haben von James Bond, Autos und Uhren, von Greta, Xiuhtezcatl und allen anderen Menschen, genug von der Welt und allem, was an der Welt gut ist oder zu verbessern wäre, diese Leute sollten nicht verzweifeln. Für sie gibt es Hoffnung. Vielleicht, sofern eine solche Person einen klitzekleinen Rest Interesse, einen Rest Leidenschaft für Irdisches hat, und sei es bloss für den Lebenssaft, der in ihr herumpocht, weil der letztlich ihr persönlichster Besitz ist … vielleicht also gilt die Hingabe dieser Person ja dem blutroten Blut.
Das wäre gut, dann kann sie Squid Game schauen. Und – auch das scheint ein Ding zu sein – die passenden Turnschuhe kaufen.
Dagegen ist nichts zu sagen. Vorausgesetzt, man ist Volljährigkeit.





2 Gedanken zu “Xiuhtezcatl: ungerührt, möglicherweise geschüttelt

    1. Merci für die netten Worte.
      Ich möchte anfügen, dass ich durchaus Kinofans kenne — und sie mag und ihren Filmgeschmack respektiere — die sich Bondiges sowie Gedankenreiches ansehen, mal dies, mal das, und mit allem gut klarkommen.
      Nur fehlt mir in den Medien (den sozialen und den asozialen) die Bereitschaft, Aussenseiterfilme zu hypen. Die Kinos würden sofort aufsteigen. Angebot & Nachfrage. Oder verdreht: Supply and demand. (Ein guter Hives-Song trägt diesen Titel. Songzeile daraus: „Shiny hair, that’s my life ambition.“)

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